Neuere Erkenntnisse aus Neurowissenschaft und Bindungsforschung bestätigen: Wir Menschen sind soziale Wesen, die nur in gegenseitiger Verbundenheit leben können. Über Co-Regulation entwickeln wir unser Spüren und Fühlen von Anfang an in zwischenmenschlicher Beziehung. Das unterstützt unsere emotionale und körperliche Gesundheit. Doch was bedeutet Co-Regulation genau, und wie können wir auch in Kontakt mit anderen gut bei uns bleiben?
Co-Regulation prägt uns von Anfang an
Babys kommen mit einem unausgereiften Nervensystem zur Welt. Schon im Uterus reagiert das kindliche Gehirn auf Bewegungen und Stimmungen der Mutter. Neugeborene können anfangs weder ihre Körpertemperatur noch ihre Gefühle selbst regulieren, und schon gar nicht ihre Bedürfnisse stillen. Hunger, Durst, Kälte, Alleinsein, sie empfinden diese Zustände rasch als lebensbedrohlich, weinen und schreien. Zur Beruhigung sind sie auf die Eltern oder Bezugspersonen angewiesen.
Besänftigende, tröstende Worte, zärtliche Berührungen und Blicke oder fürsorgliches Halten vermitteln dem Kind ein Gefühl von Sicherheit. Das Baby spürt die Umarmung der Eltern, es riecht ihre Haut, nimmt ihre Ruhe wahr. Ich bin da. Alles wird gut. So spürt sich Entspannung an. Das Kind bildet diese Empfindungen nach, stimmt sich darauf ein. Das alarmierte Nervensystem des Babys beruhigt sich durch die liebevolle Zuwendung. Dieser Prozess wird Co-Regulation genannt.
Resonanz als Voraussetzung für emotionale Stabilität
Das autonome Nervensystem regelt Abläufe im Körper, die man nicht mit dem Willen oder dem Verstand beeinflussen kann. Blutdruck, Puls, Atemfrequenz, Körpertemperatur, Verdauung oder Stoffwechsel reagieren auf die Nähe anderer Menschen. Ein sicheres Gegenüber signalisiert unserem Gehirn Sicherheit. Der Vagusnerv wird aktiviert, Entspannung und Ruhe tritt ein. Atmung und Herzschlag werden regelmäßiger, die Muskulatur entspannt sich. Das Kind fühlt sich sicher, gesehen, in seinem Gefühlszustand richtig. Wie diese Regulation genau passiert, das erfährst du in ‚Chronischer Stress und frühe Kindheit‘.
Emotionale Resonanz ist uns angeboren, dafür sorgen Nervenzellen im Gehirn, die Spiegelneuronen. Mit ihnen können wir Gefühle anderer empathisch miterleben und nachahmen. Wiederholte Erfahrungen von Resonanz und Co-Regulation sind wesentlich für unsere körperliche und emotionale Ausgeglichenheit, um später die Fähigkeit zur Selbstregulation zu entwickeln. Mit der Zeit bilden sich die dafür verantwortlichen Synapsen und neuronalen Netzwerke im Gehirn, das Kind lernt, sich selbst zu beruhigen. Es kann zwischen echten und wahrgenommenen Bedrohungen unterscheiden, flexibel zwischen Stress und Gelassenheit wechseln, Gefühls- und Erregungszustände ausbalancieren.
Die Folgen gelungener oder mangelnder Co-Regulation
Menschen mit positiven Erfahrungen von Co-Regulation in der Kindheit entwickeln emotionale Stabilität und Resilienz, die Fähigkeit, mit Belastungen gut umzugehen. Sie zeigen ein gutes Maß an Selbstfürsorge, aber auch Empathie im Miteinander. Sie stellen anderen ihre Regulationsfähigkeit zur Verfügung. Das kann die beruhigende Hand auf der Schulter sein, wenn der Kollege sich ärgert, eine Umarmung für die Freundin, der es nicht gut geht, der ruhige und freundliche Tonfall in einer verärgerten Warteschlange.
Doch viele Menschen wurden nicht optimal co-reguliert. Man ließ sie als Babys schreien, kam ihren Bedürfnissen nur mangelhaft nach. Diese fehlende Co-Regulation beeinflusst unsere Fähigkeit, mit Spannung und intensiven Gefühlen umzugehen. Die Folge ist, dass wir uns schnell unsicher und gestresst fühlen, länger in Zuständen der Übererregung verbleiben. Unser autonomes Nervensystem ‚dysreguliert‘, der Stress wird chronisch. Wir entwickeln Kompensationen, die kurzfristig helfen, langfristig aber belastend sein können. Medienkonsum, Nikotin und Alkohol, exzessives Arbeiten, Konsumieren oder Essen, all das sind Strategien, um Stress abzubauen und uns ersatzweise zu regulieren.
Fehlende Co-Regulation kann auch bedeuten, dass wir uns als Erwachsene schwerer tun, anderen gesunde Co-Regulation anzubieten. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das immer mehr der Fall zu sein scheint. Viele Menschen haben eine permanent hohe Aktivierung, sind ständig am Leisten, tun sich schwer zu entspannen. Der chronische Stress führt zu erhöhtem Selbstbezug, Ärger auf andere kocht schnell hoch, Medien und Arbeitsumfeld schüren Angst und Stress, steigende Burnout-Raten sind die Folge.
Kindliche Co-Regulation als Überlebensstrategie
Die Spür- und Fühl-Antennen von Kindern sind sehr fein ausgeprägt. Aufgeregte, gestresste, frustrierte oder belastete Eltern können ihrem Kind schwer eine gute Co-Regulation bieten, da ihr Nervensystem selbst überfordert ist. Vielleicht erlebt das Kind, dass die Eltern schnell wütend werden oder selbst ängstlich oder depressiv sind. Da das Kind bleibt mit seinen Zuständen allein und lernt vom Nervensystem und den Strategien der Eltern. Es beginnt, eigene Gefühle zu verurteilen, zu vermeiden oder abzulehnen, oder aber, unreguliert auszuleben.
Kinder sind existenziell abhängig vom Verhalten ihrer Eltern. Statt reguliert zu werden, stellen sie daher oftmals ihre eigene, noch unausgereifte, Regulationsfähigkeit familiär zur Verfügung. Sie strecken ihre Spür- und Fühl-Antennen aus und schwingen mit ihrem Umfeld mit. Sie verhalten sich folgsam und brav, trösten Eltern oder Geschwister, verstecken eigene Gefühle, vermeiden Konflikte, um die Harmonie im Haus zu bewahren und die Beziehungen funktionsfähig zu halten. Ihr Credo: Beziehung ist permanentes Mitschwingen.
Wenn Kinder die Verantwortung für das emotionale Wohlbefinden ihrer Eltern übernehmen, nennt man das in der Psychologie Parentifizierung. Diese Kinder leben in permanenter Überforderung. Sie opfern ihre eigenen Bedürfnisse und ihre kindliche Unbeschwertheit, um die Probleme oder Instabilität der Erwachsenen zu kompensieren.
Dabei übernehmen sie möglicherweise Gefühlszustände anderer, denn sie können noch schwer unterscheiden, ob diese Gefühle eigene oder fremde sind. Als Erwachsene haben Betroffene oft Schwierigkeiten, eigene Grenzen zu setzen oder persönliche Bedürfnisse wahrzunehmen. Ihr Nervensystem ist darauf programmiert, die Umgebung eher zu regulieren als sich selbst. Das dauerhafte Mitschwingen mit anderen führt zu einer chronischen Dysregulation. Der dauerhafte Erregungszustand wird oft gar nicht mehr als solcher wahrgenommen.
Hochsensibilität und emotionale Abgrenzung
Gerade Kinder mit einer Anlage zur Hochsensibilität sind hier besonders betroffen. Die Sinne hochsensibler Menschen sind sehr aufnahmefähig, ihr Reizfiltersystem ist durchlässiger. Sie spüren Stimmungen schneller, fühlen intensiver mit. Spannung, Stress oder Emotionen anderer landen oft wie ungefiltert im eigenen Körper. Das eigene Empfinden verschmilzt schnell mit dem des Gegenübers, besonders in engen Beziehungen. Mehr über Hochsensibilität liest du hier.
Aus meiner Praxis und meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass gesunde Abgrenzung für Menschen mit Anlage zur Hochsensibilität keine Selbstverständlichkeit ist. Wenn wir uns früh angewöhnt haben, intensiv mit anderen zu fühlen, ihr Unbehagen zu spüren und was sie brauchen könnten, dann bringt uns das leicht aus dem Gleichgewicht. Wo hört das Erleben des anderen auf und wo beginnt mein Eigenes? Wir bewegen uns leicht weg von dem, was für uns selbst wesentlich ist. Das bindet Kraft, die wir anderweitig brauchen, und blockiert unseren Gefühlsausdruck und unsere Impulse.
Verbunden sein, ohne sich selbst zu verlieren
Doch es gibt keine echte soziale Verbundenheit ohne klare Grenzen. Das unterscheidet Beziehung von Verschmelzung. Das Miteinander Schwingen zweier Wesen in der Co-Regulation zeigt uns zugleich, dass wir unterschiedlich sind, statt, wie Babys es anfangs empfinden, symbiotisch verschmolzen. Geht das ständige Mitspüren mit anderen auf Kosten der Selbstregulation, dann sind Grenzen notwendig, um die eigene psychische Gesundheit zu schützen. Gesunde Grenzen bedeuten ein ‚Ja‘ zu mir selbst und respektieren das ‚Nein‘ der anderen.
Ein immer wiederkehrender Punkt in meiner Begleitung ist das Wahrnehmen, Respektieren und Akzeptieren der eigenen körperlichen und emotionalen Grenzen, das Zentrieren in der eigenen Mitte. Das unterstützt auch, den eigenen Raum freizumachen von Empfindungen, Gefühlen und Konflikten, die nicht die eigenen sind. Sehr oft lassen sich so auch frühkindlich übernommene Themen der Eltern klären. Mehr zur Bedeutung von Grenzen liest du unter Kraft der Körper-Grenzen.
Selbstregulation und Co-Regulation im Gleichgewicht
Wer seine Grenzen besser wahrnimmt, kann sein Spüren auch klarer für sich selbst einsetzen: Welche Beziehungen sind mir förderlich und welche zehren an mir? Wo sind Quellen meiner Kraft und Energie? Und was stresst, schwächt und belastet mich, was meide ich besser? Es ist inzwischen Teil meiner täglichen Routine, mich zu fragen, ob das, was ich fühle und spüre, zu mir gehört. Das unterstützt, gut bei mir zu bleiben, mich nicht in den Geschichten anderen zu verlieren.
Selbstregulation hilft, Stress und Belastungen wieder auszugleichen. Gerade wer im Übermaß für andere da ist und war, darf im Sinne von Selbstfürsorge immer wieder üben, dem autonomen Nervensystem die Ruhephasen zu gönnen, die es zur Regeneration braucht. Je mehr ich in innerer Balance bin, desto leichter kann ich meine Grenzen wahren, höre auf, bewusst oder unbewusst die Stimmungen oder Themen anderer zu übernehmen. Und aus dieser inneren Ruhe heraus kann ich dann auch viel ausgeglichener und bewusster für andere da sein, die meine Co-Regulation brauchen. Eine Übung zur Unterstützung deiner Selbstregulation, in dem du dir selbst Co-Regulation anbietest, findest du hier.
Das Mitschwingen mit anderen in der Co-Regulation ist ein oft unterschätzter Grundbaustein unseres menschlichen Miteinanders. Wer fein und differenziert wahrnimmt und spürt, ist hier im Vorteil. Intensiv und empathisch mit anderen zu fühlen, ist ein kostbares Geschenk in unserer individualistischen und gestressten Welt. Das Geben und Empfangen von Zuwendung und Mitgefühl ist eine grundmenschliche Qualität, die wir wieder üben dürfen.
Doch obwohl es selbstverständlich passiert, dürfen wir immer wieder üben, in der Verbundenheit mit anderen Menschen ganz bei uns zu bleiben. Wenn wir uns erlauben, immer wieder hinzuspüren, wie das miteinander Schwingen sich anfühlt, dann können wir sein Potential voll ausschöpfen und die Sicherheit und Ruhe genießen, die es uns schenkt.
Ich glaube daran, dass das größte Geschenk,
das ich von jemandem empfangen kann, ist,
gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden.
Virginia Satir
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Danke für diesen schönen und umfangreichen Beitrag, er bringt vieles sehr klar und verständlich in Verbindung, und besonders das Thema Grenzen hat mich sehr angesprochen 🙂