Wie geht es dir am Ende dieses Jahres? Erleichtert, dankbar, erschöpft, friedlich oder voller Emotion? Was nur ein Tag scheint, wie alle anderen auch, laden wir jedes Jahr wieder mit viel Bedeutung auf. Warum ist das so, und wie kannst du diese Zeit nutzen, um dich zu orientieren und deine innere Neuausrichtung zu finden? Ich lade dich ein, deinen Körper bewusst als Kompass im Jahresrückblick zu nutzen.
Unser Leben läuft in Zyklen ab, die sich wiederholen. Einatmen, Ausatmen. Alte Zellen im Körper sterben ab und erneuern sich wieder. Tag und Nacht wechseln sich ab, Saat und Ernte, Jahreszeiten. Die Übergänge dazwischen begleiten uns, und Menschen haben immer schon rund um sie Feste gefeiert. Das ewig Wiederkehrende wird scheinbar kurz angehalten, ein Abschnitt bewusst beendet, dem Wechsel Sinn und Bedeutung gegeben. Selbst zwischen Ein- und Ausatmen gibt es diese winzige, oft unbewusste Pause.
Es scheint mir ein natürliches und sinnvolles Bedürfnis, in diesen Übergängen hin und wieder Pausen einzulegen, um Rückschau zu halten, Altes abzuschließen, zu würdigen, Danke zu sagen und dann bewusst nach vorne zu blicken.
Der Jahreswechsel als Schwellenzeit ins Neue
Eine Basisübung in der Körpertherapie ist das bewusste Ein- und Ausatmen. Wir lassen mit jedem Ausatem los, damit uns der Einatem neu füllen kann. Wir lassen die verbrauchte Luft gehen und dürfen vertrauen, dass der nächste Einatem neuen Sauerstoff ins Blut pumpt. Oft halten wir jedoch das Alte fest, als würde uns das Neue nicht in jedem Atemzug geschenkt.
Unser Kopf weiß, dass es weitergeht. Der Körper aber hat oft alte Muster von ‚zu wenig bekommen‘ gespeichert (mehr darüber liest du in Vom Mangel zur Fülle – das Gefühl, genug zu sein). Der Jahreswechsel ist eine Einladung, sich dessen bewusst zu werden und das Alte freien Herzens ziehen zu lassen, mit klarem Willen zu verabschieden. Gerade unser Körper liebt die Leichtigkeit, die daraus entsteht. Sie unterstützt, dass die innere Neuausrichtung wie von selbst kommen kann.
Denn damit schaffen wir Raum für Neues. Ein Raum, für den es vorerst auch die Erlaubnis und den Mut braucht, ihn in Leere und Nicht-Wissen zu halten, ohne ihn gleich mit Ablenkungen oder Ersatz zu füllen. Es ist also die kleine Atempause zwischendurch, die wir willkommen heißen dürfen, mit allem, was sie mit sich bringt. Das kann irritieren, mit unbekannten und aufwühlenden Gefühlen einhergehen, mit Ängsten und Verwirrung. Auch ich habe das in den letzten Jahren immer wieder erlebt, als es ums Loslassen alter beruflicher Sicherheiten und den Start in die volle Selbständigkeit ging. Für alle, die gerade ein wenig Unterstützung auf der Fahrt ins Unbekannte brauchen, teile ich ein Lied, das ich sehr liebe, ‚Let go off the shore‘ von Karen Drucker.
Mir selbst Orientierung und Sicherheit geben in Übergangszeiten
Loslassen ist kein rein mentaler Entschluss, sondern ein Prozess, der sich vor allem im Körper vollzieht. Unser Nervensystem braucht Sicherheit, sich darauf einzulassen, sonst hält es Spannung, Kontrolle und alte Schutzmuster weiter aufrecht. Deshalb bleibt der Körper oft im inneren Festhalten an Gewohntem stecken, das Sicherheit gegeben hat, und blockiert die innere Neuausrichtung, obwohl wir uns gedanklich schon ‚bereit‘ für das Neue fühlen.
Was hältst du noch fest, das längst überfällig ist? Wo hindern dich alte Anhaftungen daran, frei für Veränderung zu werden? Wenn du spürst, dass dich das betrifft, dann erkunde, was dir Sicherheit und Vertrauen gibt. Wann und wie kann sich dein Nervensystem entspannen? Versuche, das zu stärken, was dir innere Stabilität verleiht, dich positiv reguliert und zur Ruhe kommen lässt. Schaffe bewusst ein Gegengewicht zu den Ängsten, die dich festhalten und rückwärts ziehen. Setze körperliche Anker im Hier und Jetzt, durch kleine, wiederkehrende Rituale, das Spüren von Halt im Körper, den sicheren Bodenkontakt, deinen ruhigen Atemfluss, der dich nährt. Du signalisierst dem Nervensystem: ‚Ich bin da, ich bin gehalten‘. Es entsteht Stabilität von innen heraus, auch wenn im Außen noch vieles unklar ist. Du öffnest dich Schritt für Schritt dafür, dass sich Altes lösen darf.
Dankbarkeit und Wertschätzung unterstützt innere Neuausrichtung
Ein Schlüssel für einen guten Abschied und innere Neuausrichtung ist ein wertfreier, liebevoller Rückblick in Dankbarkeit. Was hat dich dieses Jahr berührt, begeistert, bereichert, beglückt? Was nimmst du für schöne, nährende Erinnerungen mit, die dich weiter begleiten werden? Was immer du hinter dir lässt, es ist wichtig, es entsprechend zu würdigen. Alle Erfahrungen, auch schwierige, belastende oder sogar verletzende, haben ihren ‚goldenen Kern‘, den es gilt, wertzuschätzen. Was hat deinen Horizont erweitert, dich wachsen lassen, für welche Erlebnisse und Lektionen bist du dankbar? Es geht nicht um Erfolg oder Scheitern, sondern darum, was du gelebt und gelernt hast, und damit in Frieden zu sein.
Dein Körper kann hier ein wertvoller Kompass in der Rückschau sein, denn alles Gelebte hinterlässt sein Spuren in dir. Lass‘ das Jahr und seine Ereignisse vorüberziehen, jenseits von Bewertung oder Selbstkritik, und nimm wahr, wie dein Körper darauf reagiert. Wo spürst du Enge, Druck, Belastung, Härte? Wo atmest du auf, wird es weit, warm, angenehm, freudvoll? Der Körper weiß oft sehr klar, was Kraft gekostet hat und schwierig war, doch genauso, wofür er dankbar ist, was ihm gutgetan hat, und welche wesentlichen Geschenke er mit ins Neue nehmen möchte.
Die Verbindung mit dem Körper unterstützt, den inneren Fluss zu spüren und das Gewesene zu würdigen, ohne es festzuhalten. Das bewusste Hervorholen und Empfinden angenehmer körperlichen Speicherungen ist ein gutes Gegengewicht zu den ohnehin meist leichter zugänglichen belastenden Gefühlen. So entsteht aus der Rückschau nicht nur Dankbarkeit für das Vergangene, sondern auch eine sanfte körperliche Integration des Erlebten und eine stimmige Orientierung für die innere Neuausrichtung.
Innere Neuausrichtung als Akt der Selbstermächtigung
Rückschau halten und innere Neuausrichtung tun immer wieder gut. Aber es geht nicht darum, es rund um den Jahreswechsel künstlich zu forcieren. Es geht nicht darum, unter Druck nach neuen Zielen zu suchen oder gute Vorsätze aufzuschreiben, die dann einen weiteren Punkt auf der vollen ‚to do‘-Liste bilden.
Innere Neuausrichtung hat damit zu tun, mir selbst immer wieder Orientierung zu geben, zu spüren, was stimmig ist in meinem Leben und was nicht mehr. Es ist auch ein Akt der Selbstermächtigung, in dem ich anerkenne, welche Dinge in meinem Leben ich selbst beeinflussen und gestalten kann. Das können Gewohnheiten, Umgebungen, Tätigkeiten, Ideen, Gedanken, Eigenschaften, Gefühle, Verhaltensweisen sein.
Auch hier ist der Körper ein wunderbarer Kompass, der dir zeigen kann, was für dich stimmig ist, wohin es im neuen Jahr gehen darf. Geh‘ mit dem, was dich wirklich berührt, es hat die meiste Kraft. Dort wo dein Herz höher schlägt, du Wärme und Freude spürst, wo deine Sehnsucht genährt wird, ist der Weg ins Neue. Das gilt es zu stärken und zu gestalten.
Innere Neuausrichtung bedeutet nicht, dein Leben über den Haufen zu werfen und alles zu verändern. Es ist ein Moment der Erlaubnis, deiner Sehnsucht mitten im Alltag die Tore zu öffnen und mithilfe deines Körpers zu spüren, wohin es dich zieht. Auf dieser Basis darfst du dein inneres Barometer wieder feiner kalibrieren, weg von äußeren Erwartungen, hin zu dem, was sich für dich stimmig und lebendig anfühlt. Oft zeigen sich die nächsten Schritte als kleine Impulse, als ein Mehr an Weite, Ruhe oder Verbundenheit. Wenn du ihnen Aufmerksamkeit schenkst, entsteht Orientierung ganz natürlich und in deinem eigenen Tempo.
Falls dir deine gewünschte innere Neuorientierung schwerfällt, in diesem Beitrag findest du zusätzliche Inspirationen, Wie dein Körper dich bei Veränderung unterstützen kann.
Wenn du zu den Menschen gehörst, für die der Jahreswechsel schwierig ist, die sich angesichts der Übergangsphase dünnhäutig und wenig stressresistent fühlen, dann horche in dieser Zeit besonders gut auf die Impulse deines Körpers. Gib deinem Nervensystem immer wieder Möglichkeit zur Regulierung, anstatt von einer Feierlichkeit zur nächsten zu eilen. Nimm‘ es ernst, wenn du dich erschöpft fühlst, und schaue umso mehr auf das, was dich wirklich nährt, in dir und mit anderen.
Das Ankommen bei dir selbst ist wichtiger als alle Verpflichtungen, Rituale und Vorsätze. Lass‘ dich einfach immer wieder bewusst landen im Hier und Jetzt deines Körpers und deines Lebens, erwartungslos, annehmend, liebevoll mit dir selbst. Daraus entsteht die innere Neuorientierung von selbst, und du lebst dein Ändern Moment für Moment aus dir heraus.
Wunder beginnen dann,
wenn wir unseren Träumen
mehr Energie geben als unseren Ängsten.
Unbekannt