Kennst du das? Du kippst manchmal plötzlich, scheinbar ohne Grund, in ein Gefühl und bleibst dort stecken? Der Moment, wo die W-Lan Verbindung zusammenbricht, der Kollege schief schaut, das gewünschte Produkt im Supermarktregal fehlt, und plötzlich legen sich dunkle Wolken ums Gemüt. Man fühlt sich mies, zwar mit Recht, aber auch mehr als der Anlass rechtfertigt. Eine scheinbare Kleinigkeit, aber statt es mit Humor zu nehmen, kippt die eigene Stimmung und das Drama bleibt. Was passiert da und wie kann ich in solchen Situationen meine Gefühle regulieren?
Emotionen steuern wir nicht bewusst. Sie entstehen schneller, als wir denken. Unser Nervensystems reagiert auf Empfindungen, Reize, noch bevor das Gehirn überhaupt verstanden hat, was gerade passiert. Die Neurowissenschaftlerin Dr. Jill Bolte Taylor hat erforscht, dass eine Emotion in ihrer biologischen Reaktion nur 90 Sekunden dauert. Sie startet mit einem Reiz. Das Gehirn sendet ein Signal an das limbische System. Die Amygdala aktiviert die passende emotionale Reaktion. Der Körper setzt dazu Hormone frei. Das war es. 90 Sekunden.
Warum wir beim Gefühle regulieren oft feststecken
Kinder zeigen uns das jeden Tag. Ich bin immer wieder fasziniert, wie schnell und tief ein Kind in einen Gefühlszustand eintaucht und ihn dann rasch wieder hinter sich lässt. Kinder weinen, stampfen, lachen, schreien, zittern, verstecken sich. Die Emotionen fließen ungefiltert durch den Körper, und im nächsten Moment ist es auch schon wieder vorbei. Sie plaudern, spielen, laufen, als wäre nichts gewesen. Es scheint einfach und selbstverständlich für sie, Gefühle zu erleben und wieder gehen zu lassen.
Erst später lernen Kinder, ihre Erfahrungen einzuordnen und ihre Gefühle zu benennen. Und genau hier beginnt auch das, was wir ‚Gefühle regulieren‘ nennen: Emotionen bewusst wahrnehmen, mental verstehen und Impulse dosiert ausdrücken. Was fühle ich da eigentlich und warum? Welche Ausdruck dafür ist angemessen und anderen zumutbar?
Dazu brauchen Kinder die Unterstützung und die Resonanz von Erwachsenen. Gefühle werden differenziert wahrgenommen: Da ist Angst. Da ist Wut. Da ist Freude. Jedes Gefühl hat Berechtigung und darf da sein. Kinder üben erst mit der Zeit, Gefühle zu interpretieren und sich in andere hineinzuversetzen. Sie beginnen zu differenzieren: Was ich fühle und spüre ist unabhängig von dem, was ich ausdrücke. So lernen sie nach und nach, ihre Gefühle selbst zu regulieren.
Wenn Eltern Gefühle möglichst schnell ‚im Griff haben‘ wollen, legen sie die Weichen in Richtung Bewertung. Emotionales Verhalten wird kritisiert, zurückgewiesen, gemahnt. Kinder erleben ihre Gefühle dann als ‚zu viel‘, ‚falsch‘ oder ‚unerwünscht‘. Sie lernen früh, sich einzubremsen. Je nach Erfahrung und Veranlagung entwickeln sie unterschiedliche Strategien: Gefühle unterdrücken, ‚wegerklären‘, auf andere projizieren oder sie identifizieren sich mit Gefühlen anderer.
Unterdrückte Gefühle: Der alte Berg, auf dem wir sitzen
Als Erwachsene kann es uns dann passieren, dass wir auf einem Berg von unausgelebten, zum Teil gar nicht zu uns selbst gehörenden Gefühlen sitzen. Ihr körperlicher Ausdruck ist blockiert, ihre affektive Ladung tief vergraben. Wir fürchten uns vor ihnen, weil die Spannung, mit der wie sie halten, gar so groß ist. Wir haben verlernt, die 90 Sekunden wirklich zu spüren und durchzugehen. Die emotionale Ladung zu unterdrücken kostet ungemein viel Energie. Momentane Gefühle können oder wollen wir oft gar nicht wahrhaben, weil sie uns mit dem Berg in Kontakt bringen könnten, auf dem wir bereits sitzen.
Und plötzlich erinnert die gekappte W-Lan Verbindung an das Schweigen der Eltern. Der schief schauende Kollege wird zur perfekten Projektionsfläche für strafende Blicke in der Kindheit. Das Produkt im Supermarktregal ist der Kristallisationspunkt für alten Mangel. Und meist ist uns das gar nicht bewusst, weil eben gut weggepackt. Dann wundern wir uns, dass wir wegen so einer Kleinigkeit schon wieder so ein Theater machen. Und vielleicht haben wir genau das schon als Kind gehört: ‚Mach nicht so ein Theater!‘.
Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Alte Verletzungen haben uns geprägt. Aber wir richten sie gegen uns selbst, wenn wir unsere Emotionen weiterhin ignorieren und unterdrücken, wie es uns anerzogen wurde. Wenn du tiefer tauchen möchtest, wie du alte Körper-Erinnerungen deines ‚inneren Kindes‘ befreien kannst, dann lies gerne in ‚Verkörperte Gefühle und das innere Kind‚ nach.
Gefühle regulieren heißt lebendig werden: Emotion is energy in motion
Kinder weinen viele Tränen am Tag, wälzen sich öfter zornig am Boden. Aber sie lachen auch so viel wie kaum ein Erwachsener. Die Energie ihrer Affekte steht ihnen voll zur Verfügung. Wir Erwachsene jedoch halten, beurteilen und vergraben Gefühle. Was sollen die Kinder davon lernen?
Es täte uns gut, das Erklären und Verstehen mal sein zu lassen und einfach nur ungefiltert zu spüren, was da ist und ausgedrückt werden will. Gefühle regulieren kann ein schönes Abenteuer ein: Die reiche und bunte innere Welt meiner Emotionen als Teil der eigenen Persönlichkeit entdecken. Auf eine Forschungsreise gehen, was sich da Moment für Moment zeigen möchte. Meinen Raum weiten, indem ich dem Erleben in mir Platz gebe, statt es zu bewerten und wegzuschieben.
Das heißt nicht, meine Emotionen bei anderen abzuladen. Es bedeutet, sie zuerst einmal mit mir selbst in Dialog zu bringen. Es kann eine Gemütslage erstaunlich rasch verändern, wenn die Emotionen in Fluss kommen. Plötzlich zeigt sich hinter dem Zornesschrei eine Träne, die geweint werden will. Und hinter so mancher geweinten Träne ein befreiendes Lachen. Gefühle auszudrücken kann wie ein erlösender Gewitterregen sein. Wenn er sich wieder beruhigt hat, macht sich meist echte Erleichterung und Zufriedenheit breit.
Lernen wir von den Kindern, und lassen wir unsere Gefühle wieder frei. Entwicklung ist ein dynamischer Prozess. Bewegung ist ein Grundprinzip des Lebens. ‚Emotion is energy in motion‘, heißt es im Englischen so schön.
Viele von uns haben früh gelernt, Gefühle möglichst leise zu machen. Nicht zu viel sein. Dabei verwechseln wir emotionale Kontrolle mit Reife. Doch Gefühle zu zeigen ist keine Schwäche, sondern ein Ausdruck emotionaler Reife. Es braucht Mut, wahrzunehmen, was in uns lebendig ist. Mut, Trauer nicht sofort wegzuerklären. Wut nicht nur zu schlucken. Angst nicht zu verstecken. Emotionale Reife bedeutet, mit dem da zu sein, was da ist – ohne sich dafür abzulehnen. Mich in all meinen emotionalen Facetten zu umarmen.
Erlaube deinen Emotionen einfach die Freiheit, da zu sein. Nimm sie wahr und an als Teil von dir. Ohne Angst. Dein Nervensystem entspannt sich, wenn du deinen Gefühlen mehr Ausdruck verleihst. Der Druck wird leichter. Dein Leben wird bunter. Und vielleicht entdeckst du sogar das ursprüngliche Kind in dir wieder.
Fühle die Gefühle,
und lass ihre Geschichte los.
Pema Chödrön