Biodynamische Körperarbeit &
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Leben.Spüren – Lebendig.Sein

Lass mich frei, sagt das Gefühl

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Geht es dir auch manchmal so, dass du plötzlich, scheinbar ohne Grund, in ein Gefühl kippst und dort stecken bleibst? Ich meine jene Momente, wo einem das Kaffehäferl aus der Hand fällt, die W-Lan Verbindung zusammenbricht, der Kollege schief schaut, das gewünschte Produkt im Supermarktregal fehlt, und plötzlich legen sich dunkle Wolken ums Gemüt, man fühlt sich mies, ohne zu wissen warum. Eine scheinbare Kleinigkeit, aber statt es mit Humor zu nehmen, kippt die eigene Stimmung und das Drama bleibt erstmal. Und bleibt. Und bleibt.

Kinder sind da echte Lehrmeister. Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich erlebe, wie schnell und tief ein Kind in einen Gefühlszustand eintaucht und ihn dann rasch wieder hinter sich lässt. Kinder schreien wütend, lachen beseelt, verstecken sich ängstlich, weinen haltlos, und das täglich mehrmals. Sie lassen diese Erfahrung, mit allem was dazu gehört, einfach durch ihren Körper durchrauschen, agieren den Zustand aus, und im nächsten Moment ist es auch schon wieder vorbei – sie plaudern, spielen, laufen, als wäre nichts gewesen. Es scheint so einfach und selbstverständlich für sie, Gefühle zu erleben und wieder gehen zu lassen.

Das Ende der kindlichen Leichtigkeit

Wir ‚Ältere‘ leben unsere Gefühle meist nicht so intensiv aus. Denn in den meisten Fällen dürfen sich Kinder ihre Leichtigkeit, mit der sie durch die wildesten Emotionen marschieren, nicht beibehalten. Da wird von uns Erwachsenen eingeteilt in ‚gute‘ und ‚böse‘, akzeptierte und nicht akzeptierte Verhaltensweisen, da wird kritisiert, zurecht gewiesen, missverständlich oder übertrieben reagiert. Das Kind beginnt sich einzubremsen und zu beurteilen. Statt voll in den eigenen Ausdruck zu gehen, lernt es Gefühle zu unterdrücken, umzudefinieren, oder sich mit Gefühlen anderer zu identifizieren, die gar nicht zu ihm gehören.

Kinder erleben noch eher die reine Emotion, also ihre körperliche und affektive Reaktion auf ein äußeres Ereignis. Erst mit zunehmender Bewusstheit wissen sie, worauf sich ihre Reaktion bezieht und sind in der Lage, Gefühle zu benennen. Die Fähigkeit, unsere emotionalen Erfahrungen bewusst zu verarbeiten, als Gefühle zu beschreiben und mental einzuordnen, entwickelt sich erst. Wenn auf bestimmten Gefühlen dann aber ein Etikett ‚verboten‘ klebt, oder ‚schlechte Erfahrung‘, dann biegen wir lieber zeitgerecht ab oder bleiben in Gedankenschleifen hängen.

Der Berg auf dem wir sitzen

Als Erwachsene kann es uns dann passieren, dass wir auf einem Berg lauwarmer, blockierter, tief vergrabener, ungelebter, zum Teil gar nicht zu uns selbst gehörender Gefühle sitzen. Wir fürchten uns vor ihnen, weil wir verlernt haben, die Emotion zu spüren, auszudrücken, durchzugehen. Und es kostet uns ungemein viel Energie, diese emotionalen Spannungen in uns zu halten. Neue, tatsächlich aktuelle Gefühle wollen wir oft gar nicht wahrnehmen, weil sie uns mit dem Berg in Kontakt bringen könnten, auf dem wir bereits sitzen.

Und plötzlich erinnert dann das zerbrochene Kaffehäferl an die Wutausbrüche des Vaters, die gekappte W-Lan Verbindung an das Schweigen der Mutter. Der schief schauende Kollege wird zur perfekten Projektionsfläche für strafende Blicke in der Kindheit, und das Produkt im Supermarktregal zum Kristallisationspunkt für all die unerfüllten Wünsche unseres Lebens. Aber das ist uns manchmal gar nicht bewusst, weil eben gut weggepackt. Dann wundern wir uns, dass wir wegen so einer Kleinigkeit schon wieder so ein Theater machen. Und vielleicht haben wir auch diese Botschaft schon als Kind gehört.  

Kinder weinen tausend Tränen am Tag, wälzen sich ungezählte Male zornig am Boden, aber sie lachen auch so viel wie kaum ein Erwachsener, sprudeln über vor Glück über jede Kleinigkeit. All die Energie, die wir mit dem Halten, Beurteilen und Vergraben von Gefühlen verbringen, bewusst oder unbewusst, steht ihnen für ihre Entwicklung und ihren Ausdruck zur Verfügung.

Emotion is energy in motion

Lernen wir von den Kindern, und lassen wir unsere Gefühle wieder frei. Entwicklung ist ein dynamischer Prozess. Bewegung ist ein Grundprinzip des Lebens. ‚Emotion is energy in motion‘, heißt es im Englischen so schön.

Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Aber ich habe irgendwann aufgehört, mich vor den eigenen Gefühlen – oder denen anderer – zu fürchten. Ich schaue hin, wenn ich scheinbar grundlos Trauer, Sorge, Wut oder Angst spüre. Ich nehme mich – oder mein inneres Kind – dann liebevoll in den Arm, und erlaube mir auch mal loszuheulen. Ich mache auch nach Jahren immer noch sehr spannende Entdeckungen, was hinter diesem oder jenem Gefühl wirklich steckt. Und staune, wie schnell es sich dann verändert. 

Denn wenn wir uns diese Erfahrung erlauben, zeigt sich hinter so mancher geweinten Träne, manchem Zornesschrei ein befreiendes Lachen. Und wenn sich unser Organismus dann, wie nach einem erlösenden Gewitterregen, wieder beruhigt hat, dann macht sich meist echte Erleichterung und Zufriedenheit breit.

Fühle die Gefühle,
und lass ihre Geschichte los.

Pema Chödrön

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