Jede*r von uns beginnt sein Leben mit rund 38 Wochen im Mutterleib. Im optimalen Fall verläuft diese Zeit in ungestörter Ruhe und Sicherheit, vom Fruchtwasser in der Gebärmutter umhüllt und getragen. Doch nicht jede Schwangerschaft verläuft so. Und die Zeit vor der Geburt prägt uns bereits tief. Pränatales Trauma sitzt im wahrsten Sinn in jeder Zelle unseres Körpers, denn als Mensch wachsen wir aus einer einzigen Zelle heran.
Es ist ein schönes, fast paradiesisches Bild: Der Embryo schwimmt in der Gebärmutter, schwerelos, gut versorgt, in Wärme und Frieden. Gewiegt vom sanften Strömen des Fruchtwassers, gibt es nichts zu tun. Das Wachstum, die Reifung der Zellen passiert von selbst. Sie öffnen und schließen sich ganz selbstverständlich in ihrer ureigenen Pulsation.
Zellerinnerung wird vorgeburtlich geprägt
Die Zeit im Mutterleib legt den Grundstein für unsere Resilienz, unsere Fähigkeit, mit den Belastungen und Stress umzugehen, die das Leben unweigerlich bringt. Die Erinnerung an das geborgene und bedingungslose Getragen und Gehalten sein in der Gebärmutter wirkt wie ein Schutzfeld, kann spätere schwierige Erfahrungen abfedern.
In dieser Phase, in der wir uns aus der Verschmelzung von Ei und Samenzelle entwickeln, in der sich jede unserer Zellen neu bildet, schreibt sich in uns auch diese Grunderfahrung ein: Absolute Stille, innere Ruhe und Zufriedenheit, der Zustand reinen Seins, er ist möglich.
Doch die Gebärmutter ist auch ein enger Ort, aus dem es kein Entrinnen gibt. Passiert in diesen neun Monaten ein pränatales Trauma, etwas Dramatisches, bekommen wir schädliche Impulse, dann prägt uns auch das, steckt auch diese Information in jeder Zelle. Und es macht viel mit unserer Art, in die Welt zu kommen. Sie wahrzunehmen.
Was, wenn über die Nabelschnur nicht nur Nährendes kommt, sondern auch Giftstoffe, gegen die sich der Fötus nicht wehren kann? Was, wenn die Atmosphäre nicht liebevoll ist, sondern die mütterlichen Hormone Angst, Stress oder Sorge transportieren?
Die einzige Möglichkeit, die der Embryo hat, ist, sich zusammenzuziehen, anzuspannen, zu versteifen. Vergleichbar mit einem Kind, das Angst hat, sich in die letzte Ecke zurückzieht, versteckt, still hält, um nicht gefunden zu werden. Diese Kontraktion reicht tief in die Zellen. Das Nervensystem wird auf Stress geprägt, bevor es überhaupt fertig ausgereift ist.
Pränatales Trauma durch Einflüsse bei Schwangerschaft und Geburt
Viele Faktoren können eine Schwangerschaft und Geburt belasten und ein pränatales Trauma erzeugen:
- Emotionaler Stress oder Krankheit der Mutter
- Schwere Konflikte zwischen den Eltern
- Medikament-, Drogen- oder Alkoholkonsum der Mutter
- Mangelernährung oder eingeschränkte Nahrungsaufnahme über die Nabelschnur
- Blutungen oder Plazentabalösungen
- Abtreibungsversuche
- Unfälle, schwere Schocks oder medizinische Eingriffe
- der Verlust eines Zwillings
- ‚Blue babies‘ die mit der Nabelschnur um den Hals auf die Welt kommen
- Überlange Presswehen und Stecken im Geburtskanal
- Beeinträchtigung durch Sauerstoffmangel
In meinem Fall war es ein vorgeburtlicher Gehirnschlag, mutmaßlich im Laufe meiner Geburt mit der Saugglocke, von dem ich erst als junge Erwachsene durch ein MRT erfahren habe. Pränatales Trauma hat für die jungen Zellen sehr oft auch Auswirkungen auf der körperlichen Ebene. Saugglocken- und Zangen-Geburten etwa erhöhen das Risiko für Gehirnblutungen und Tumore.
Für mich war diese Zufalls-Diagnose, die im Außen als gesunder Mensch nichts veränderte, überwältigend. Plötzlich machte vieles Sinn, wofür ich bis dahin keine Erklärung hatte. Kindliche Lerndefizite und Ängste, meine Rechts-Links-Schwäche, der chronische Stress, das alles hatte nun einen real existenten Auslöser. Mehr über Geburtstrauma und meine persönlichen Erfahrungen dazu liest du in Ungehörte Geschichten: Wie Geburtstrauma wirkt.
Die unsichtbare Dimension, die Pränatales Trauma hat
Was vorgeburtliche und teilweise auch geburtliche Traumatisierungen gemein haben, ist, dass sie in vielen Fällen unerkannt und ungesehen bleiben. Obwohl sie unsere Körperwahrnehmung so stark prägen, werden sie selbst nicht wahrgenommen. Sie wirken im Untergrund, unbewusst. Als Betroffene*r spürt man, dass etwas belastet, ohne dafür eine Erklärung zu haben. Die Spurensuche gestaltet sich mühsam, denn als Erwachsene*r weiß man ja nicht, wonach man sucht.
Ich erlebte also massiven Stress in der Gebärmutter. Wer so wie ich schon am Anfang des Lebens gegen das Ende kämpft, der trägt die Information in seinen Zellen: Leben ist gefährlich und bedrohlich.
Dieser Stress, diese potentielle Bedrohung, hatte sich tief in meine Zellen geschrieben, wurde in vielen Situationen in meinem Leben wieder aktiviert. Wie Stress auf das Nervensystem wirkt und warum frühe Belastungen so gravierend sind, habe ich in ‚Chronischer Stress und frühe Kindheit‘ beschrieben. Jedes Trauma stört die Fähigkeit zur Selbstregulation, doch wenn die Ur-Erfahrung bereits gestört ist, worauf kann man sich dann beziehen?
Zum Zeitpunkt des Geschehens war das Gehirn des Kindes noch unfertig entwickelt, es hat sich angepasst, massive Überlebensstrategien entwickelt, um die Situation zu bewältigen. Die embryonale Kontraktion, der Zellstress, wirkt tief: Auf unsere Fähigkeit, uns abzugrenzen oder hinzugeben, zurückzuziehen oder zu öffnen. Wie wir auf Belastungen und erneuten Stress reagieren. Ob und wie wir innere Ressourcen aktivieren können.
Möglichkeiten, die embryonale Ruhe nachzunähren
Doch es ist möglich, der eigenen, tief in unseren Zellen gespeicherten Geschichte neue Impulse zu geben, auch dem auf die Spur zu kommen, was nicht sichtbar ist. Pränatales Trauma kann erreicht und seine Spuren verändert werden.
Die somatische Begegnung mit sich selbst in einem gut gehaltenen, sicheren Raum, wie es die Gebärmutter sein sollte, lässt uns diese so früh angelegten Muster spüren. Die bewusste Körperwahrnehmung gelangt dorthin, wo Enge, Angst und Isolation begann. Die tief gespeicherte Schockstarre darf gefühlt werden und beginnt sich zu lösen. Schritt für Schritt bekommen die Zellen die Information, sich wieder zu entspannen.
Auch den ‚paradiesischen‘ embryonalen Zustand der Ruhe kann man nachnähren und neu erfahren, wie sich das ziellose und vertrauensvolle Wiegen im Fruchtwasser anspürt, das Gehalten und Getragen sein in der Gebärmutter, die Hingabe an den Moment, das lösende Pulsieren der eigenen Zellen.
Ich liebe es, diesen Zustand der Ruhe so tief in mir zu spüren. Ich bin glücklich und dankbar, ihn immer wieder neu zu erleben, und es berührt mich zutiefst, solche Prozesse für Menschen zu begleiten.
Das Wissen um pränatales Trauma und Geburtstrauma beginnt heute langsam zu greifen. Osteopathie, Craniosacrale und andere Techniken unterstützen Babys, schwierige Geburten gut zu verarbeiten und damit verbundene Belastungen so früh wie möglich zu lösen. Und auch als Erwachsene dürfen und können wir alte Muster transformieren und unser Leben immer wieder neu gestalten. Einer der Pioniere für diese Arbeit in Europa war Ludwig Janus, dessen Buch ‚Pränatale Psychologie‘ hier zu lesen ist.
In der bewussten Beschäftigung damit entdecken wir unserer Resilienz neu. Ein Embryo, der sich gegen so viel Widrigkeiten durchsetzt, der überlebt hat, will und kann wirklich leben! Dieser starke Lebenswille und alle damit verbundenen Fähigkeiten sind ein besonderes Geschenk, das unserem Leben eine neue Perspektive und ungeahnten Zauber verleihen kann. Aus der Verbindung mit dem Embryo entfaltet sich unsere Lebendigkeit aus ihrer tiefsten Quelle.
Ich freue mich, dich achtsam und traumasensibel dabei zu begleiten!
Und jedem Anfang
wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt
und der uns hilft zu leben.
aus: Stufen, von Hermann Hesse