Urlaub für die Seele: eine Hymne aufs Nichtstun

Nichtstun wie im Urlaub erfrischt Körper und Seele

Es ist Sommer. Freust du dich auch auf den Urlaub? Endlich Mußestunden. Endlich Müßiggang. Endlich diese Auszeit, nach der wir uns das ganze Jahr sehnen.

Aber warum eigentlich brauchen wir einen Urlaubsantrag, um uns die Erlaubnis fürs Nichtstun zu geben? Ich frage mich das jedes Jahr aufs Neue. Warum erlauben wir uns nicht öfter, einfach vor uns hin zu träumen und die Seele baumeln zu lassen? Dabei wäre es sehr gesund, hin und wieder einfach nichts zu tun.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nichtstun ist bewusstes Sein ohne Ziel. Es ist etwas anderes als Faulenzen, sich Ablenken, Prokrastinieren oder Grübeln.

  • Dein Nervensystem schwingt von Natur aus zwischen Anspannung und Entspannung. Regelmäßige Pausen entsprechen diesem Rhythmus.

  • Beim Nichtstun wird das Ruhezustandsnetzwerk im Gehirn aktiv. Es sortiert Erinnerungen und schafft Raum für neue Ideen.

  • Der Parasympathikus, dein Ruhenerv, senkt dabei Blutdruck und Stresshormone und entspannt die Muskulatur.

  • Schon wenige Minuten am Tag reichen, damit dein Körper sich wieder an Ruhe gewöhnt.

  • Am Ende dieses Artikels findest du fünf körpertherapeutische Impulse für den Einstieg in die ‚Kunst des Nichtstuns‘.

 

Unser Nervensystem schwingt im Wechsel von Anspannung und Entspannung. Das ist sein natürlicher Takt. Folgen wir diesem Rhythmus, gönnen wir uns viel öfter Ruhepausen, als wir es tatsächlich tun.

Wir schlafen im Schnitt sechs bis acht Stunden. Den Rest der Zeit sind wir am Tun. Weil dieses Tun oft im Sitzen stattfindet, entsteht eine Illusion von Ruhe. Dabei arbeitet dein Kopf weiter auf Hochtouren. Und in der Freizeit geben wir dann auch noch ordentlich Gas.

Warum Nichtstun uns heute so schwerfällt

Richtig nichts tut kaum noch jemand. Unsere Freizeit ist verplant. Wir treffen Menschen, besuchen Events, machen Sport. Selbst auf der Couch ein Buch zu lesen oder einen Film zu schauen, ist eine mentale Tätigkeit. Sogar Meditation hat ein Ziel und einen Fokus.

Vielleicht kennst du das: Sitzt du einmal allein und ohne Aufgabe da, hast du gleich das Handy in der Hand. Scrollen, Nachrichten checken. Das ist kein Zufall. Reizlosigkeit ist uns unangenehm. Das Gehirn ist fast ständig im Reiz-Reaktions-Modus, das Nervensystem in Aktivierung. Dein Körper weiß irgendwann gar nicht mehr, wann er Pausen braucht und wie sie sich anfühlen. Dein Gehirn verlernt, abzuschalten.

Vielen fällt es daher schwer, im Urlaub tatsächlich zur Ruhe zu kommen. Sightseeing, Wandertouren, Kulturreisen, Morgenyoga, Lesemarathon oder Surfkurs am Strand. All das hat durchaus Erholungswert. Aber es ist die Summe, die den Unterschied macht. Bist du auch im Urlaub durchgetaktet und gönnst deinem Gehirn keine Pause, kannst du nicht abschalten. Nach dem Urlaub fühlst du dich dann nicht erholt.

Viele Menschen halten Nichtstun tatsächlich für Zeitverschwendung. Oder sie haben ein schlechtes Gewissen dabei und hängen nur heimlich ab. Statt zuzugeben, dass wir Ruhe brauchen, sagen wir lieber: ‚Ich habe leider so viel zu tun, es geht sich nicht aus.‘ Als wäre es nicht erlaubt, einfach mal nichts tun zu wollen. Dabei hätte Nichtstun so viele positive Effekte.

Nichtstun kann bedeuten, in eine Blumenwiese zu schauen

 

Was Nichtstun eigentlich ist, und was nicht

Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen und zu unterscheiden. Prokrastination sieht manchmal von außen ähnlich aus wie Nichtstun, fühlt sich aber ganz anders an. Beim Aufschieben flüchtest du vor einer Aufgabe, du lenkst dich ab. Beim Grübeln, fachlich Rumination genannt, dreht sich dein Gedankenkarussell immer wieder um Sorgen, du bist mental sehr aktiv.

Der Unterschied liegt in deiner inneren Haltung. Nichtstun geschieht bewusst. Du tust es nicht, weil du gerade nichts Besseres zu tun hast oder eine Aufgabe vermeidest. Du entscheidest dich mit Absicht dafür, eine Zeit lang nur zu sein.

Was Nichtstun nicht ist: Zeit vertrödeln. Dich bewusst ablenken. Am Handy scrollen. Prokrastinieren. Bei monotonen Tätigkeiten auf Autopilot schalten. Und Nichtstun darf auch kein weiterer Punkt auf deiner To-do-Liste werden.

Nichtstun ist also ein Seinszustand, der Untätigkeit auf mentaler und körperlicher Ebene mit sich bringt. Wir folgen keinen Zielen, reduzieren Reize im Außen. Wir erlauben uns Müßiggang, und Ruhe. Wir halten Inne, verweilen absichtslos im Moment.

Im Niederländischen gibt es für das Nichtstun als Trend sogar ein eigenes Wort: niksen. Die Journalistin Olga Mecking hat diesem Konzept ein ganzes Buch gewidmet, ‚Niksen. Vom Glück des Nichtstuns‘. Das wohl erste Buch dazu schrieb Robert Paul Smith schon 1958 mir dem originellen Titel ‚How to Do Nothing with Nobody All Alone by Yourself‘, eine Einladung zu Spiel und Muße. 

Was mit Körper und Geist passiert, wenn du bewusst nichts tust

Nichtstun ermöglicht deinem Gehirn, sich zu regenerieren. Das Ruhezustandsnetzwerk, oder ‚Default Mode Network‘, wird aktiv. Es hat regenerierende Effekte auf deinen Körper und hilft, Erinnerungen zu verarbeiten. Dein Kopf kann sich neu sortieren, die Speicher leeren, und das beugt mentaler Überlastung vor.

Nichtstun lässt deinen Körper erfahren, wie sich Ruhe anspürt. Es gibt deinem Parasympathikus Raum, aktiv zu werden. Das ist der Teil deines Nervensystems, der für Ruhe und Entspannung zuständig ist. Er senkt den Blutdruck, baut Stresshormone ab, fördert die Verdauung und entspannt die Muskulatur.

Nichtstun führt mitunter zu Langeweile. Und Langeweile ist ein wundervoller Motor für Kreativität. Im Leerraum bist du viel besser mit dir selbst in Verbindung, dein Unterbewusstsein hat Raum, und plötzlich entstehen aus dem Nichts neue Ideen. Dein Gehirn verlässt die gewohnten Bahnen und greift auf neue Areale zu.

Wer nichts tut, hat Zeit, Details mit allen Sinnen zu beobachten

 

Das Schönste für mich: Beim Nichtstun kommst du gut mit deinem Körper und deinen Sinneswahrnehmungen in Kontakt. Nur da sitzen und spüren. Das Gesäß, den Rücken, die Füße am Boden. Einen Vogel zwitschern hören. Deinen eigenen Herzschlag wahrnehmen. Gerüche oder Farben intensiver bemerken.

Mehrere Nichtstun-Phasen am Tag können sogar dazu führen, dass du abends besser einschläfst, weil du mental und emotional nicht so überlastet bist. Dein Kopf rattert nicht mehr so viel. Dein Körper ist entspannter. Die Ruhe fühlt sich nicht mehr so fremd an.

Nichtstun ist ziemlich einfach. Einmal ohne Buch, Handy oder Musik auf der Couch sitzen und ins Leere schauen. In der Mittagspause auf der Parkbank in die Sonne blinzeln und den Blick schweifen lassen. Im Zug die vorbeiziehende Landschaft betrachten. Ohne Ziel dahinschlendern. Kurz die Augen schließen und deinen Körper spüren.

Wenn Ruhe sich fremd anfühlt und ständiges Tun zur Gewohnheit wird

In meinen Sitzungen begleite ich Menschen oft in einen tiefen Zustand innerer Ruhe. Ich habe schon mehr als einmal gehört: ‚Das ist total ungewohnt, das kenne ich gar nicht.‘ Manche werden erst einmal unruhig. Sie könnten einschlafen, was ja nicht schlimm wäre. Oder sie haben die Sorge: Wenn ich mich so entspanne, stehe ich nie wieder auf.

Der Körper hat verlernt, wie sich Entspannung anfühlt, wenn du das lange nicht geübt hast. Er wird unruhig, wenn die gewohnten Reize ausbleiben. Er hat das Gefühl für die natürliche Schwingung zwischen Spannung und Entspannung verloren. Der aktivierte Sympathikus, die dauerhafte Anspannung, ist zum Normalzustand geworden.

Die Flucht vor dem Nichtstun führt dazu, dass jeder Moment des Tages durchgeplant wird und die To-do-Liste immer voll bleibt. Diese Daueraktivität führt schnell zur Erschöpfung von Körper und Psyche. Ein überaktiviertes Nervensystem zeigt sich oft sehr konkret: Du schläfst schlecht ein oder wachst nachts öfter auf. Du fühlst dich innerlich unruhig, selbst wenn äußerlich nichts los ist. Konzentration fällt schwerer, die Muskulatur bleibt verspannt, und kleine Dinge bringen dich schneller aus der Fassung als sonst. Manche berichten auch, dass sie sich selbst im Urlaub nie wirklich angekommen fühlen.

Mehr darüber, wie dein vegetatives Nervensystem funktioniert und wie du seine Signale besser verstehst, liest du in Was passiert bei Stress im Körper – warum du nicht mehr abschalten kannst.

Nichtstun bedeutet, bewusst in einen Seins-Zustand einzutauchen.

 

Vielleicht hast du auch innere Stimmen, die dich vom Nichtstun abhalten. Antreiberstimmen, die sagen: ‚Streng dich an.‘ ‚Sei perfekt.‘ ‚Beeil dich.‘ Dann stehen Leistungsorientierung und Perfektionismus der Ruhe im Weg. Diese Stimmen sind oft schon in der Kindheit entstanden und haben dein Nervensystem über lange Zeit geprägt. Es fällt dann richtig schwer, einen Gang zurückzuschalten. Entspannung fühlt sich fremd an und wird vermieden.

Ein kurzer Blick zurück: Nichtstun durch die Geschichte

Die Menschen in der Steinzeit mussten ihre Nahrung mühsam erjagen, hatten danach aber tatsächlich Freizeit. Im antiken Griechenland war Muße, die Griechen nannten es scholē, ein wichtiger Teil des Alltags und positiv besetzt. Der römische Philosoph Seneca widmete dem Thema sogar eine eigene Schrift, ‚De Otio‘, Über die Muße. Sein Fazit: Muße ist zwar zwecklos, weil sie kein bestimmtes Ziel verfolgt. Gerade dadurch macht sie den Menschen aber frei für Erkenntnis.

Im Mittelalter kippte das Bild. Nichtstun galt als gesellschaftliches Laster. Wer nichts tat, galt als unproduktiv. Seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wird der Alltag zunehmend durchgetaktet. ‚Müßiggang ist aller Laster Anfang‘, diesen Satz hat wohl kaum jemand nicht schon in der Kindheit gehört. Im Zeitalter der Digitalisierung sind wir dann noch ständig erreichbar und mit Informationen überflutet. Der dauerhafte Reiz-Reaktions-Modus ist zum neuen Normalzustand für unser Nervensystem geworden.

Fünf körpertherapeutische Impulse fürs Nichtstun

Wäre ich Ärztin, ich würde Nichtstun auf Rezept verschreiben. Stattdessen bekommst du ein paar Impulse aus meiner körpertherapeutischen Praxis.

Fang klein an. Gewöhne deinen Körper langsam an die Idee, dass Nichtstun Teil deines Lebens sein darf. Baue über den Tag verteilt immer wieder kleine Minipausen ein. Ein paar Minuten reichen, um deinem Nervensystem zu zeigen, wie sich Entspannung anfühlt. Halte es anfangs lieber kurz, wenn es sich ungewohnt anfühlt. Wichtig ist das regelmäßige Dranbleiben.

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Erlaube dir die Zwecklosigkeit. Nichtstun ist tatsächlich zwecklos, es hat keine bestimmte Absicht. Das fällt uns schwer, weil wir gewohnt sind, immer etwas erreichen zu wollen. Nichtstun dagegen ist reines Sein im gegenwärtigen Moment. Schon Seneca wusste: Auch ohne Zweck macht es Sinn. Gib dir dazu die bewusste Erlaubnis.

Bleib im Körper präsent. Das ist für mich die einzige Regel beim Nichtstun. Das Spüren öffnet deine Sinne und hilft dir, den Moment zu genießen. Es unterbricht den Gedankenstrom und signalisiert deinem Nervensystem: Du darfst entspannen. Es ankert dich im Hier und Jetzt, und du spürst die Bedürfnisse deines Körpers besser.

Sorge für Sicherheit. Dein Nervensystem entspannt am besten, wenn du dich beim Nichtstun sicher fühlst. Gerade im öffentlichen Raum ist das wichtig. Fällt es dir schwer, Kontrolle loszulassen, verbinde das Nichtstun anfangs mit einem festen Reiz. Schau bewusst einen bestimmten Gegenstand an, spüre den Boden unter deinen Füßen, oder hör Musik. Das ist ein Anker, der dir das Loslassen erleichtert.

Gib dem Nichtstun eine neue Bedeutung. Hast du Nichtstun bisher als Zeitverschwendung oder Faulheit gesehen, dann probiere eine andere Perspektive aus. Sieh es als Ritual, als kleinen Miniurlaub oder als Form der Selbstfürsorge. Fällt dir das schwer, setz dir kleine Erinnerungen oder plane die Pausen bewusst ein. Und denk daran: Nichtstun hilft dir, danach wieder konzentrierter und leistungsfähiger zu sein.

Mach daraus keine neue Aufgabe. Nichttun ist kein To-Do, kein Sport, keine Wissenschaft. Nichtstun kann jedes Mal anders aussehen. Horch in dich hinein und frag dich, was du gerade jetzt brauchst. Ein paar Mal tief durchatmen, dich strecken und dehnen, schon spürst du deinen Körper und seine Signale.

Falls du immer noch denkst ‚zum Nichtstun habe ich keine Zeit‘, mach‘ dir bewusst: Nichtstun braucht keinen freien Urlaubstag, keinen Platz im Kalender. Es sind drei Minuten auf der Parkbank, einen Blick aus dem Zugfenster, einen bewussten Atemzug vor der nächsten Aufgabe. Diese kleinen Momente summieren sich. Sie geben deinem Nervensystem genau das, was es zwischen all dem Tun braucht: die Erfahrung, dass Ruhe möglich ist. Du musst nicht auf den nächsten Sommerurlaub warten, um dir diese Erlaubnis zu geben.

Auch die Pause gehört zur Musik. 

Stefan Zweig

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