Vom Mangel zur Fülle – das Gefühl, genug zu sein

vom mangel zur fülle - das innere wissen, genug zu sein, wir sind immer im licht

Kennst du das Gefühl, im Mangel zu sein, nicht genug zu haben? Zu wenig Aufmerksamkeit und Wertschätzung in Job oder Partnerschaft, zu wenig Geld am Konto, zu wenig Zeit und Ruhe? Was liegt hinter dem Mangel, und warum verfolgt er uns oft so beharrlich? Aber vor allem, wie finden wir Zugang vom Mangel zur Fülle in uns?

Ich möchte dieses Gefühl des Mangels erst einmal aus der Scham-Ecke holen. Ich kenne es selbst, und ich wage zu behaupten, die meisten von uns. Irgendetwas ist immer ‚zuwenig‘, selbst bei Menschen, die im Außen erfolgreich und beliebt wirken. Irgendwo gibt es scheinbar ein ‚inneres Loch‘, das sich nie ganz füllen lässt, ein nagender Hunger nach ‚Mehr‘. Bei genauerem Nachforschen geht es meist um Grundbedürfnisse und Grundwerte wie Sicherheit, Liebe, Selbstwert, Anerkennung, Verbundenheit, Genährt werden, Freiheit.

Alte Mangelerfahrungen und warum positive Affirmation allein nicht hilft

Unser Gehirn hat tatsächlich einen Hang zur kognitiven Negativ-Verzerrung. Das kommt evolutionär vermutlich aus einer Zeit, als es wichtig war, potenzielle Gefahren rasch zu erkennen, unser Überleben zu sichern. Negative Gedanken sind daher schneller parat und kosten weniger Energie. Hunger war lange eine reale existentielle Bedrohung. Was einmal dienlich war, hält uns heute in negativen Gedankenspiralen fest. Es macht uns schwerer, vom Mangel zur Fülle zu kommen und mit positiven Impulsen gegenzusteuern.

Die oft empfohlenen positiven Affirmationen funktionieren allein meist nicht. Das ‚Negativ-Mindset‘ lässt sich nicht einfach umdenken. Das liegt auch daran, dass viele Menschen tatsächlich von realen Mangel-Erfahrungen, meist in der Kindheit, geprägt wurden. Das Erleben von ‚es ist nicht genug‘ oder ‚ich bin nicht genug‘ steckt uns dann quasi in den Knochen. Ich mag also in vergleichsweisem Wohlstand und Sicherheit leben, doch mein Nervensystem ist innerlich noch auf Mangel und Gefahr gepolt.

Wie das Nervensystem auf frühen Mangel reagiert, und welche Auswirkungen das auf uns hat, liest du in ‚Chronischer Stress und frühe Kindheit‘ nach. Solange diese Muster unbewusst bleiben, halten sie uns in Negativspiralen fest. Hinter dem Kreisen um den Mangel finden sich tieferliegende Glaubenssätze und Annahmen, die in Alltagssituationen schnell aktiviert werden. Sie beeinflussen Handeln und Reaktionen. Wir halten uns damit unbewusst ein Stück weit selbst im Mangel fest, weil wir die Welt durch seine Brille betrachten. Wir erleben ihn immer wieder, statt vom Mangel zur Fülle zu kommen.

vom mangel zur fülle kommen babies durch liebevollen kontakt und bedürfnisbefriedigung

 

Wenn der frühe Mangel als existentielle Bedrohung ‚in den Knochen steckt‘

Tatsächlich ist der frühe Mangel in vielen Fällen lebensbedrohlich gewesen. Der Embryo, der durch die Nabelschnur nicht genug Nährstoffe erhalten hat, kämpfte um sein Überleben. Der Säugling, der immer wieder schreiend allein lag, dem die Umarmungen fehlten, ist tausend Tode gestorben. Das Kleinkind, das Einsamkeit, Ohnmacht, Beschämung und Abwertung erlebt, möchte am liebsten vom Erdboden verschluckt werden. Wenn grundlegende Bedürfnisse nach Nähe, liebevoller Berührung, positiver Spiegelung und genährt werden nicht befriedigt worden sind, bleiben Stress, Alarmbereitschaft und existentieller Zweifel im Körper zurück. Und der Zweifel nagt und sagt: ‚Du bist nicht richtig. Du bist es nicht wert. Du bist nicht gut genug.‘

In den seltensten Fällen sind Eltern bewusste Täter:innen. Vieles passiert aus Unwissenheit, Überforderung, familiären Krisen, eigenen Entwicklungstraumata, die intergenerational weitergegeben werden. Was aber bleibt, ist die Erinnerung, die in den Knochen steckt. Um gut damit leben zu können, vergessen wir die Erfahrung tiefer Not. Unterschwellig bleibt sie und wirkt weiter. Als Stress, Druck, gehaltene Impulse, Sinnkrisen, Angst, Zorn, dem Gefühl der Wertlosigkeit, Bedrohung, Unterlegenheit.

Wie wir die Mangel-Erfahrung weiter bedienen

Natürlich entsteht nicht jedes Mangelgefühl aus solch massiven Ereignissen. Doch wir alle hängen davon ab, dass unsere grundsätzlichen Entwicklungsbedürfnisse als Kind ausreichend erfüllt werden. Wo Sicherheit, Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Wertschätzung oder Selbstverwirklichung nicht genügen, wo liebevoller Kontakt und positive Resonanz fehlt, werden wir später immer wieder dazu neigen, danach zu suchen.

Unsere Zeit bietet jede Menge Möglichkeiten, das Mangelgefühl zu bedienen. Wettbewerb in Schule, Verein und Beruf; Schönheitsideale und Lebenswelt-Vergleiche auf Social Media; Druck und Stress in der Wirtschaft; und dazu Konsum im Überfluss als Kompensation. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit meinen Mangel-Gefühlen umzugehen, und zu vermeiden, vom Mangel zur Fülle zu gelangen.

fülle ist licht, das durch die blätter fällt

 

  • Ich erlebe die totale Abhängigkeit von meinen Bedürfnissen, erfahre eine Bedürftigkeit, in der es nie (gut) genug ist. Ich fühle mich angesichts der Vergleiche und des Überangebots in der Welt ständig im Mangel oder als Opfer der Umstände.
  • Ich schneide mich von jeglichen Bedürfnissen und Mangel-Gefühlen ab, mache mich quasi unabhängig von ihnen. Ich spüre diese nicht mehr und brauche dadurch scheinbar nichts oder sehr wenig von anderen. Ich bewerte diese vielleicht sogar in ihrer Bedürftigkeit.
  • Ich erfülle meine vermeintlichen Bedürfnisse überaktiv und exzessiv, z.B. durch extremen Wettbewerb, Leistungsstreben oder Konsum. Ich mache das teilweise durch Grenzverletzung und mit Härte anderen gegenüber, fühle mich dabei immer im Recht und bleibe doch unerfüllt.

Das innere und dauerhafte Gefühl des Mangels aber bleibt. Es steht einer entspannten, liebevollen Beziehung zu mir selbst und anderen im Weg. Wenn ich permanent glaube, zu wenig zu haben oder zu wenig zu sein, werte ich mich ab, statt mitfühlend und wohlwollend zu sein. Ich wende mich von mir ab, hin zu den anderen, die scheinbar mehr und Besseres haben und sind, hin zu allem, das vermeintlich mein Loch füllt.

Vom Mangel zur Fülle über die Körperwahrnehmung

Der Mangel ist und bleibt im Körper spürbar. Dieser spiegelt die frühen Erfahrungen von ‚nicht genug‘ oder ‚zu kurz gekommen‘. Das zeigt sich durch flache Atemmuster, Enge im Brustraum, einem ständigen Kloß im Hals, Magenschmerzen oder Reizdarm. Manche spüren Leere, Anspannung, innerem Druck oder ein Gefühl von Abgeschnittensein. Der Mangel an früher Versorgung, egal ob körperlich oder gefühlsmäßig, hinterlässt Spuren in Muskulatur, Organen und Nervensystem.

Unterdrückte Sehnsucht oder gedämpfte Bedürfnisse halten muskuläre Anspannung und führen zum Rückzug der Energie aus dem Körper. Muster wie Perfektionismus, Selbstkritik, Scham oder Bewertung begleiten sie. Diese Schutzmechanismen waren einmal überlebensnotwendig. Chronisch geworden, halten sie uns vom Leben ab, vom Spüren, vom Kontakt, von echter Fülle.

In der Körpertherapie begleite ich dich, Mangelgefühle und ihren körperlich-emotionalen Ausdruck im liebevollen Selbstkontakt bewusst zu machen. Es geht nicht darum, Mangel ‚wegzumachen‘, sondern im geschützten, gehaltenen Rahmen mit den dahinterliegenden Bedürfnissen und Sehnsüchten wieder in Kontakt zu kommen. Mein Nervensystem braucht das feine, einfühlsame Gesehenwerden von mir selbst, um sich sicher genug zu fühlen, das Spüren wieder zu erlauben.

fülle ist in jeder blüte ein sichtbares geschenk

 

Vom Mangel zur Fülle als innerer Zustand wirklicher Sattheit

Fülle wächst in Kontakt, in Resonanz mit mir selbst und anderen. In der achtsamen Begleitung kann mein Nervensystem wahrnehmen, dass Nähe und Bedürfnisse nicht mehr bedrohlich sind. Ich weite meinen inneren Raum und erlaube mir zu sein, wie ich bin. Ich darf mich mit meiner Bedürftigkeit zumuten und werde gesehen. Ich erlebe, von mir und anderen gehalten zu sein. Aus der alten Leere kann Neues wachsen: Selbstmitgefühl. Selbstfürsorge. Vertrauen ins Leben. Innere Ruhe und Freiheit.

Denn Fülle ist mehr als genug zu haben. Es ist das Gefühl, genug zu sein. Fülle ist ein innerer Seins-Zustand von wirklicher Sattheit, ganz unabhängig von äußeren Umständen. Nicht nur im Bauch, sondern im Herzen. Nicht nur im Kopf, sondern im ganzen Körper.

Dieser Zustand lässt sich spüren. Als langer entspannter Ausatem, im Vertrauen, dass der Einatem von selbst wiederkommt. Als Wärme und Weite im Brust- oder Bauchraum, die sich im ganzen Körper ausbreitet. Als weiches und wohliges im Körper landen und die Welt umarmen wollen. Es sind vielleicht anfangs zarte, kurze Momente, die sich ungewohnt anfühlen, die Wiederholung, Spiegelung und behutsame Integration brauchen.

So entsteht langsam Raum für neue Erfahrungen. Ich bin und habe genug. Ich bin sicher. Ich kann für mich sorgen. Das ist mehr als Affirmation, es ist gelebte Erfahrung, die mich für die Qualität der inneren Fülle öffnet.

Mit dem Körper Fülle in mein Leben einladen

Willst du Fülle in deinem Leben kultivieren, beginne im Körper, in deiner Empfindung von genug sein, genährt sein, das Leben in dir spüren. Hier sind ein paar Impulse, wie du über deinen Körper vom Mangel zur Fülle kommst:

  • Atme bewusst: Spüre das Fließen deines Atems im Körper. Einatmen ist empfangen von Lebenskraft und Fülle. Sie wird dir in jedem Atemzug neu geschenkt. Nimm dir Raum, weite dich. Erlaube dir, diesen inneren Fluss zu spüren. Lass dich vom Atem innerlich berühren und nähren. Tiefer, ruhiger Atem beruhigt alten Mangel-Stress im Nervensystem und fördert Vertrauen. Jeder Atemzug ist dein Ja zum Leben.
  • Spüre deinen Körper: Verbinde dich gut mit dem Boden unter deinen Füßen, deinem Atem, nimm‘ deine Körpergrenzen wahr. Wenn du dich geerdet und getragen fühlst, kannst du Fülle empfangen und halten. Geh barfuß in der Natur, sei ganz präsent im Jetzt deines Körpers. Mangel entsteht im Gestern oder im Morgen. Im gegenwärtigen Moment, in der Verbundenheit mit dir, bist du immer genug.
vom mangel in die fülle durch dankbarkeit für schöne augenblicke

 

  • Nähre dich achtsam: Mache Essen zu einem Ritual der Freude und Dankbarkeit. Nimm dir bewusst Zeit dafür, iss‘ langsam, genieße jeden Bissen, Aussehen, Geschmack und Geruch. Spüre nach, wie du die Nahrung aufnimmst und was dir guttut. Erlaube, aufzuhören, wenn es genug ist, und zu spüren, dass dein Körper gut gesättigt ist. Spüren, dass es genug ist, weil du genug bist. Lass dich dabei von deinem Körper und seinen Bedürfnissen führen.
  • Genieße Berührung: Sanfte liebevolle Selbstberührung, eine warme Hand auf Herz oder Bauch, beruhigt und gibt Halt. Sie signalisiert Sicherheit und Wertschätzung, beruhigt dein Nervensystem, sagt ‚Es ist genug da.‘ Das Kuschelhormon Oxytocin fördert Weichheit und Genährtsein. Jede Zelle öffnet sich für die Geschenke des Lebens.
  • Kultiviere Dankbarkeit: Statt zu sehen, was fehlt, nimm wahr‘, was da ist. Ein bewusst gespürter Sonnenstrahl, ein freundlicher Blick, ein leckeres Essen, Vogelgezwitscher, alles Zeichen der Fülle. Nimm‘ damit Kontakt auf. Erkenne, wie dich das Leben beschenkt. Dein Atem, dein Herzschlag, deine Kraft, das alles ist Ausdruck innerer Fülle. Was ist gerade in meinem Leben reich und wertvoll? Frage dich, wofür du dankbar bist und wie du es körperlich spürst. Lass dich davon berühren. Erkenne kleine Momente im Alltag als Zeichen der Fülle.
  • Erschaffe innere Bilder: Nutze deine Imaginationskraft für schöne Vorstellungen oder Erinnerungen, um Fülle in dir zu erzeugen. Erinnere dich an Momente der Freude und des Glücks und spüre sie jetzt. Lasse die dazugehörigen positiven Körperempfindungen in dir ausbreiten. Du kannst dich mit inneren Bildern bewusst stärken und nähren.

Fülle bedeutet nicht, dass ich nie wieder Mangel empfinde. Auch in einem genährten Leben gibt es Sehnsucht, Leere, Hunger, Schmerz. Doch mein Umgang damit ändert sich. Ich bewerte ich es nicht mehr. Ich nehme wahr, wo und wie ich es spüre. Ich bin freundlich mit mir. Wenn ich diese Empfindungen im Körper halten kann, dabei bewusst für mich selbst da bin, dann verliert der Mangel seine Bedrohlichkeit. Dann kann ich mich vom Mangel zur Fülle befreien, zu mehr Spüren, Tiefe, Lebendigkeit.

Fülle ist fühlbar. Ein Zustand innerer Sattheit und guter Erdung. Sie entsteht, wenn du dich dir selbst zuwendest. Lass‘ dir von deinem Körper den Weg zeigen. Dabei begleite ich dich gerne.

Wenn du das Leben durch die ‚Fülle-Brille‘ siehst, spürst du: Es ist immer unendlich viel und genug für mich da. In jedem Augen-Blick, in jedem Herz-Moment, in jedem Atemzug darf ich wahrnehmen, was mir alles geschenkt ist. Jeder Atemzug ist eine Möglichkeit, vom Mangel zur Fülle zu pendeln.

Nicht was wir haben
sondern was wir genießen
macht Fülle aus.

Epikur

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Ralphfassy

    Sun Cellular

  2. BruceBub

    Sun Cellular

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