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Leben.Spüren – Lebendig.Sein

Von Ohnmacht und Eigenmacht

Von der Ohnmacht zur Eigenmacht

Wahrscheinlich kennst du Situationen, in denen du dich ohnmächtig und hilflos gefühlt hast. Ganz fundamental erleben wir das bei Krankheit, Verlust oder Kontaktabbruch eines nahen Menschen, wenn uns jemand unfair behandelt, wenn unsere materielle oder körperliche Sicherheit bedroht ist. Aber es genügen auch kleine Dinge im Alltag, dieses Gefühl auszulösen, wenn wir etwas nicht bekommen oder durchsetzen können, etwas nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen, sich jemand anders verhält als erwartet.

Was all diese Situationen gemeinsam haben: Wir können sie nicht kontrollieren. Wir sind scheinbar abhängig von anderen oder vom Schicksal. Wir können nicht selbst bestimmen.

Strategien gegen die Ohnmacht

Oft übernimmt dann die Ohnmacht. Wir fühlen uns ausgeliefert, werden innerlich und äußerlich klein und kleiner. Je nachdem, welche Strategien wir gelernt haben, reagieren wir unterschiedlich: Wir versuchen, unter den Umständen bestmöglich zu funktionieren. Wir passen uns an Situationen an, die uns nicht guttun, unterwerfen uns dem Schicksal. Wir vermeiden die Konfrontation, ignorieren die Tatsachen, lenken uns ab, über Arbeit, Essen, Medien, Konsum. Oder wir schalten den Kontrollgang noch ein Stück höher. Wir werden wütend, bitter, pedantisch, anklagend, aggressiv, wir suchen die Schuld bei den anderen. Oder wir fragen uns voller Selbstvorwürfe, was wir falsch gemacht haben, werden traurig, depressiv, erstarren, verkriechen uns vor der Welt.

Und nichts von all dem verändert etwas. Unsere Reaktion kostet uns Kraft, wir laufen erschöpft gegen die Wand, fühlen uns als Opfer. Der Kampf gegen die Situation führt meist erst dazu, unsere Macht abzugeben.

Entwicklungsmotor Eigenmacht

Die Grenzen der eigenen Macht zu spüren, gehört mit zum Härtesten, was wir erleben können. Unsere Eigenmacht ist ein wichtiger Meilenstein und Motor unserer Entwicklung. Es beginnt damit, dass Mama und Papa kommen, wenn wir weinen, dass die Bauklötze umfallen, denen wir einen Schubs geben, dass unsere Beine uns vom Boden heben und tragen. Unser Handeln bewirkt und verändert etwas. Wir entwickeln uns, in dem wir mit dieser Eigenmacht experimentieren und unseren Handlungsspielraum ständig erweitern.

Nichts ist schlimmer, als hier an unsere Grenzen zu stoßen. Wir können nachempfinden, wie es dem Kind geht, das im Supermarkt einen Wutanfall hat, weil es keine Süßigkeiten bekommt. Es ist bitter zu lernen, den eigenen Willen nicht immer durchsetzen zu können. Und zugleich ist es so wichtig, denn auch Machtlosigkeit ist eine zutiefst menschliche Erfahrung. Hin und wieder ein ‚Nein‘ zu hören und damit umgehen zu lernen, bringt uns erst ganz in unsere Kraft und Größe.

Akzeptanz als Schlüssel zur Kraft

Tatsächlich bedeutet, in unsere Macht zu kommen manchmal auch, einfach anzunehmen, nichts ändern zu können. Wir verbinden Macht damit, unseren Willen durchzusetzen. Daher fühlen wir uns dort, wo das nicht möglich ist, machtlos. Und gerade dann kann Akzeptanz der Schlüssel sein, der uns wieder in die Kraft bringt. Wenn ich annehme, dass etwas, zumindest im Moment, nicht zu ändern ist, kann ich mich wieder auf das konzentrieren, was wirklich in meiner Macht liegt, statt das Unmögliche zu ersehnen, zu beklagen, zu zerdenken. Meine Energie wird wieder frei für mich. Ich wähle, welcher Umgang mit dem, was ist, mir am besten tut. Das kann bedeuten, gewisse Menschen oder Situationen loszulassen und andere zu wählen, in denen ich mich wohlfühle. Das kann bedeuten, meine Gedanken und Handlungen auf Positives, Hoffnungsvolles, Freudvolles, Mögliches auszurichten. Tatsächlich schadet es mir vor allem selbst, längerfristig im Drama des Unmöglichen hängen zu bleiben.

Das machtlose Kind umarmen

Die Konfrontation mit der Machtlosigkeit bringt uns leicht aus der Balance, aus der eigenen Mitte. Wir reagieren in alten Mustern des hilflosen Kindes, das im Supermarkt am Boden liegt. Oder, je nach Erfahrung, sich ängstlich oder traurig oder wütend verkriecht, weil Papa oder Mama einen Wutausbruch haben oder es alleine lassen, weil die Schulkolleg*innen es verlachen, oder Schlimmeres. Dieses Kind und seine Gefühle, die da plötzlich an die Oberfläche kommen, zu verdrängen, hilft uns nur scheinbar. Das Kind aus dem Versteck holen, befreiend weinen zu lassen und liebevoll zu umarmen, schon eher.

Als Kind waren wir zum Großteil tatsächlich ausgeliefert. Das anzuerkennen und zu betrauern bringt inneren Frieden. Situationen der Machtlosigkeit ermöglichen, uns zu erinnern, wo und wann wir die eigene Kraft und Macht an andere abgegeben haben. Dort können wir ansetzen, sie uns zurückzuholen. Dem Kind in uns Sicherheit und das Gefühl zu geben, geliebt zu sein, liegt in unserer Verantwortung.

Und es erlaubt mir, der Erwachsenen, meine innersten Bedürfnisse und Möglichkeiten zu erkennen, meine Situation aktiv zu gestalten. Ich kann über meine Situation sprechen, mir Hilfe holen, jemanden der zuhört, Verbündete suchen. In Situationen der Machtlosigkeit hilft es, nicht allein zu sein. Ich kann meine Meinung klar äußern, wenn ich bereit bin, die Konsequenzen zu tragen. Tatsächlich sind wir immer freier, als wir denken. Tatsächlich gibt es immer mehr Möglichkeiten, als wir ahnen. Wenn wir unsere Werte kennen und dafür einstehen, dann holen wir uns unsere Macht zurück. Und wir übernehmen Verantwortung für uns und unsere Bedürfnisse, selbst in Situationen der Machtlosigkeit. Wir treffen die Entscheidung, für uns einzustehen, uns selbst wertzuschätzen.

Mut zum eigenen Ja

Ich kann das ‚Nein‘ des Anderen oft nicht verändern, wohl aber zu meinem eigenen ‚Ja‘ stehen. Je bestimmter, selbstverständlicher und zugleich liebevoller ich das tue, desto mehr geht es in Resonanz mit dem, was möglich ist. Wille lässt sich niemals durch Härte brechen. Doch Widerstand kann schmelzen, in Wärme und Sanftheit. Dieses Wissen können wir tief im Körper spüren. Härte, Vorwürfe und Aggression lassen uns selbst kalt und verschlossen reagieren. Liebevolle Worte und Berührungen hingegen erzeugen gute Gefühle und Körpersensationen, machen weich und offen, ermöglichen Verbindung.

Es bedarf Mut, angesichts der Macht anderer zur eigenen Zartheit, Sanftheit und Bedürftigkeit zu stehen. Sich in all seiner Verletzlichkeit zu zeigen. Es ist nicht leicht, in Situationen der Machtlosigkeit liebevoll zu bleiben, mit sich und anderen, Hände und Sinne offenzuhalten, wenn man die Härte der anderen oder des Lebens spürt.

Und dennoch kann das der Schlüssel sein zur Eigenmacht, die unsichtbare Tür hinaus aus der Ausweglosigkeit. Selbst wenn es nichts im Außen zu ändern scheint, so wärmst du zumindest dich selbst und dein Leben. Diese Resonanz öffnet dir andere Räume. Du ziehst damit Menschen und Umstände an, die neue Verbündete und Helfer*innen sind. Du gibst deinem Körper in jedem Moment den Heilungs-Impuls, dass das Leben schön ist und sich lohnt, egal wie hoffnungslos es gerade erscheint. Und die Hoffnung ist die Schwester der Eigenmacht, gib‘ sie niemals auf.

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Das Leben ist eine Achterbahn.
Wer Eigenmacht hat, genießt die Fahrt nach oben mit allen Sinnen.
Und sorgt auf dem Weg nach unten dafür, bei Laune zu bleiben.

Jens Corssen

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