Biodynamische Körperarbeit &
Persönlichkeitsentwicklung
in der Natur

Leben.Spüren – Lebendig.Sein

Verkörperte Gefühle und das ‚innere Kind‘

verkörperte-gefühle-inneres-kind

Kennst du das, dich öfter verletzt, enttäuscht, ängstlich, zornig, gestresst oder fremd zu fühlen? Ich schon. Für meine vernünftige, kluge und meist fröhliche Erwachsene war das anfangs unverständlich. Wieso manövriere ich mich immer wieder in so unangenehme Situationen, fühlte mich plötzlich negativ und belastet? In solchen Momenten scheint die Welt böse und kalt.

Mein ‚inneres Kind‘ kennenzulernen, war eine Erleichterung. Jene Anteile und Prägungen in uns, die als Reaktion auf emotionale Verletzungen in der Kindheit oder sogar davor (Geburt, Schwangerschaft) entstanden sind.  Ich spreche gerne vom ‚innere Waisen-Kind‘. Mit zunehmender Bewusstheit fühle ich mich ihm nicht mehr so ausgeliefert.

Muster von Verletzung und Mangel

Unser ‚inneres Waisen-Kind‘ ist verwundet. Bedürftig. Zu kurz gekommen. Verlassen. Vor Schreck erstarrt. Hilflos wütend. Einsam und bitter. Es verdrängt das Negative aber, versucht zu überleben und zu vergessen.

Doch das funktioniert nur scheinbar. In unseren Zellen steckt noch immer die Erinnerung an belastende Erfahrungen aus der Kindheit, sie sind im Körper gespeichert. Sie beeinflussen, meist unbewusst, unsere Gefühlswelt und unser Verhalten. Sie halten uns in einer gedanklichen und gefühlsmäßigen Negativspirale fest. Wir reagieren dann oft automatisch aus den Gefühlen dieses ‚inneren Kindes‘ heraus und wiederholen seine Muster.

Oft sind es grundlegende Bedürfnisse nach Nähe, Aufmerksamkeit, liebevoller Berührung und genährt werden, die nicht ausreichend befriedigt worden sind. Manchmal wurden unsere Grenzen verletzt, unsere Erwartungen enttäuscht, wir waren mit unseren Gefühlen und Sorgen allein gelassen. Oder wir haben Situationen erlebt, in denen wir uns beschämt oder bewertet, bedroht, gestresst oder ohnmächtig fühlten.

Unterdrückte Gefühle verkörpern sich

Dem Kind in uns erscheinen die daraus resultierenden Gefühle, Zorn, Traurigkeit oder Angst, Scham oder Hass übermächtig, grenzenlos und unkontrollierbar. Es beginnt sie zu unterdrücken, seine Impulse zurückzuhalten, umso mehr, wenn uns die Außenwelt spiegelt, dass sie nicht in Ordnung sind. Kleine Kinder werden oft gemahnt, wenn sie Wutausbrüche oder Angst haben. Vielleicht weil wir nicht wahrhaben wollen, dass sie ein Spiegel für unsere eigenen unterdrückten Gefühle sind. Wir durften es auch nicht fühlen. Bis heute nicht.

Stark negative und sich oft wiederholende Erfahrungen und Gefühle, die wir nicht ausdrücken, die von unserem Umfeld nicht wahrgenommen und reguliert wurden, arbeiten in uns weiter. Sie setzen sich in Form von Spannung, Schmerz, Starre, Druck oder Taubheit in unserem Körper fest, verschlacken ihn quasi und blockieren unsere Lebensenergie.

Das klingt sehr dramatisch, und für das Kind war es das auch. Ist es immer noch. Und während wir im Außen als Erwachsene unauffällig ‚funktionieren‘ und ein scheinbar gutes Leben haben, geht der Kampf in unserem Inneren unterschwellig weiter.

Die Körper-Erinnerung befreien

Es ist sehr befreiend, diesen Kind-Anteilen in uns Raum zu geben. Hinspüren, wahrnehmen und erlauben dieser unangenehmen und in unserer Gesellschaft oft nicht akzeptierten Gefühle ist der Schritt, der alles verändern kann.

In der Wut, die uns vielleicht vernichtend und sinnlos erscheint, ist viel Lebenskraft und Ausdrucksmöglichkeit gehalten. Wenn sie da sein darf, und sei es nur in Gedanken und Bildern, lösen wir die alte Erstarrung, bekommen Zugang zu unserer Vitalität und tiefer liegenden Gefühlen.

Aus der Erwachsene-Perspektive sind wir geneigt, alte Ängste als lächerlich oder übertrieben abzutun, doch als Kind hatten sie ganz reale Auslöser. Wenn sie sich zeigen dürfen, gespürt werden, lösen sich tiefe Spannungen in unserem Nervensystem, erlauben wir unseren Körper, sich zu regulieren und zu beruhigen.

Nicht wahrgenommene und ausgedrückte Traurigkeit kann in die Depression führen, als würden wir dauerhaft im Schatten gehen, und könnten die Sonne nicht mehr sehen. Wie gut tut es da, Tränen wie einen reinigenden Regenschauer rinnen zu lassen, bis die Nebel sich lichten.

Wenn wir zu unseren Wunden und Schmerzen heute hinspüren, ihnen Raum öffnen, sie als Teil von uns annehmen, dann ist das eine große Erlösung. Teile von uns werden wieder zugänglich, die wie abgespalten, getrennt, fremd waren. Das ist nicht nur emotional so, tatsächlich können wir das auch körperlich wahrnehmen, dass wir wieder mehr Energie haben, sich Spannungen lösen, sich taubes fühlloses Gewebe lebendiger anspürt.

Der heilsame Kontakt mit mir selbst

Im Kern jeder traumatischen Erfahrung liegt Trennung und Kontaktlosigkeit, die Beziehung zu mir und anderen ist in irgendeiner Form unterbrochen und gestört. Beziehungsabbruch ist wahrscheinlich mit das Schlimmste, das Kinder prägen kann. Sie nehmen diese Erfahrung in sich hinein, übernehmen selbst die Verantwortung für das, was ihnen passiert ist, und unterbrechen auch den Kontakt mit sich selbst, um nicht zu fühlen, was war.

Sich selbst also gute Mutter bzw. guter Vater zu sein ist daher ein Schlüssel zur Heilung unserer verletzten Kind-Anteile, und zugleich die größte Herausforderung, der ‚blinde Fleck‘ in uns. Wenn wir dazu fähig sind, dann verändert es alles. Ich will nicht mehr in meiner Not gesehen werden, sondern nehme mich selbst und meine Bedürfnisse wahr. Ich warte nicht mehr darauf, dass das, was ich brauche, von außen kommt, ich gebe es mir selbst. Denn nur ich habe das so erlebt, keiner sonst, für mich ist mein Schmerz wahr, und ich würdige ihn.

Ich bin mir selbst Stütze und Trost. Ich halte mich liebevoll. Ich halte zu mir. Ich gebe meinen vernachlässigten und verletzten Anteilen einen guten und geschützten Platz. Ich akzeptiere sie wie sie sind, lasse sie sein, will sie und damit mich selbst nicht mehr anders haben. Diese Selbstannahme und Selbstakzeptanz ist so wichtig. Ich atme auf. Meine Zellen öffnen sich. Wer, wenn nicht ich selbst, kann mir erlauben ganz ich selbst zu sein? Mir sagen, dass ich genau richtig bin und immer schon war?

Denn das hätte ich gebraucht, damals, als Kind. Dass jemand sagt ‚du bist genau richtig und wundervoll. Deine Gefühle sind in Ordnung. Ich sehe dich in deiner Not. Ich liebe dich genauso.‘

Die Schatztruhe öffnen

Die verletzten Anteile meines inneren Kindes zu spüren, anzunehmen, ihnen mein Herz zu öffnen, macht mich ganzer, lebendiger, erweitert meine Möglichkeiten. Es öffnet mich erst für das Besondere und Einzigartige, das ich bin. Meine frühen Verletzungen sind tatsächlich eine Schatztruhe.

Den Deckel draufzuhalten ist anstrengend. Gefühle zurückzuhalten, Impulse zu unterdrücken, macht müde und innerlich eng. Mir selbst mein Herz zu öffnen, mir selbst Liebe und Wertschätzung zu schenken, löst die alten Belastungen. Die Energie all diese Gefühle und Erfahrungen frei durch den ganzen Körper fließen zu lassen, ist eine große Erleichterung. Ich darf mich zeigen und sein, wie ich bin.

Wenn ich die Gefühle meines ‚inneren Waisen-Kindes‘ so fließen lasse, sind sie willkommen, und dürfen dann wieder gehen, wie Ebbe und Flut. Sie sind ein Teil von mir, aber sie dominieren mich nicht. Sie sind aus meiner Geschichte entstanden, aber sie müssen nicht meine Zukunft sein.

Das Sonnenkind entdecken

Dann erwarte ich von anderen nicht mehr, die Löcher und Defizite meines ‚inneren Kindes‘ zu füllen, und so fallen viele Projektionen im Außen weg. Wenn ich eine liebevolle und vertrauensvolle Beziehung mit mir selbst pflege, mich und meine Gefühle einfach annehme, fällt mir das auch mit anderen leichter.

Und plötzlich ist die Verbindung mit jenen Anteilen, die unverletzt geblieben sind, selbstverständlich; das ‚Sonnen-Kind‘, der heile Kern in mir wird zugänglich. Es sind die starken, freien, selbstbewussten und lebensbejahenden Kind-Anteile, die jetzt ans Licht kommen. All das Ursprüngliche, das jedes Kind mit seiner Geburt mit auf die Welt bringt, bekommt Raum: Lachen und Staunen, Freude und Hingabe, Neugierde und Spontanität, Kreativität und Intuition, alle uns innewohnenden natürlichen Fähigkeiten, unsere Liebe zum Leben.

Und dann wird mein ‚inneren Kindes‘ zur Kraftquelle von Lebendigkeit und Fülle, die mein Leben für immer bereichert.

The biggest embrace of love
you will ever make in your life
is embracing yourself completely

Adyhashanti

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen