Im Urlaub auf Mallorca sitze ich in einer kleinen Höhle auf einem Felsen über dem Meer. Ich schaue den Wellen zu. Die Höhle ist klein und schützend, aber weiter innen wirkt sie dunkel und fremd. Das Meer unter mir scheint unendlich weit. Die Wellen sind wild bewegt. Ein Sprung wäre gefährlich. Zugleich spüre ich, das Wasser hat eine tragende und bergende Kraft. Ich fühle mich geborgen. Heute weiß ich, dieser Moment hat mir viel über meine emotionale Sicherheit gelehrt.
Denn mir wurde plötzlich klar, wie sehr die Sehnsucht nach Sicherheit mein Leben geprägt hatte. So wie in diese Höhle hatte ich mich immer wieder schutzsuchend zurückgezogen. Die Weite des Lebens, das mich lockte wie die Wellen des Ozeans, erschien gefährlich. Wieviel aufregenden und interessanten Erfahrungen bin ich ausgewichen, weil sie mir fremd und unsicher erschienen?
Die Natur, wie hier das Meer, sagt: Es gibt sie nicht, ‚die‘ Sicherheit. Es gibt nur meine Wahrnehmung davon, meinen Blick darauf. Das Salzwasser trägt mich, eine wunderschöne Erfahrung, und zugleich ist die See rau und wild. Das Leben ist per se lebensgefährlich.
Der Tod war in der Tat meine erste Erfahrung, noch bevor ich überhaupt auf die Welt kam (mehr darüber in Von Anfang an überwältigt). Ich erlitt einen vorgeburtlichen Gehirnschlag. Ich habe schon oft überlegt, was dieser massive Schock wohl mit meinen Baby-Zellen machte. In diesem Moment am Meer erkannte ich den Zusammenhang: Ich suchte wohl von Anfang an nach Sicherheit im Außen, weil ich mich im eigenen Körper bedroht, unsicher, nicht geborgen und geschützt gefühlt hatte.
Wie Kindheits-Erfahrungen unsere emotionale Sicherheit beeinflussen
Wie soll ich dem Meer vertrauen mich zu tragen, wenn ich in meinem eigenen Körper nicht Halt finde? Die Grenzen unseres Körpers geben uns Struktur, sie vermitteln Sicherheit. Da ist ein Rahmen, der hält. So können wir uns ganz hingeben, loslassen. Wasser braucht ein Gefäß, um nicht zu versickern. Unsere Lebendigkeit braucht den Körper als Stütze.
Was aber, wenn unser Körper von Anfang an kein guter Halt war? Wenn wir früh in unserem Leben die Erfahrung machen, in den Grenzen unseres physischen Körpers nicht sicher zu sein? Wie Menschen entwickeln unser Gefühl für die eigenen Grenzen über Co-Regulation anderer Menschen. Mehr darüber liest du in ‚Co-Regulation und Selbstregulation‘.
Wenn wir physische und emotionale Sicherheit nicht im Außen durch Bezugspersonen erleben, durch liebevolle Berührung anderer Menschen nicht getragen werden, was macht das mit uns? Wenn wir keine klaren Regeln und Routinen im Außen lernen, stattdessen sogar Signale von Unsicherheit und Gefahr bekommen?
Unsere Zellen ziehen sich zusammen. Unsere Muskeln verspannen sich. Die Energie strebt nach innen, hält fest und versucht, selbst Halt zu schaffen. Eine ‚rigide‘ Körperstruktur entsteht, wenig beweglich und streng, verspannt und eng. Angst kommt vom lateinischen ‚angus‘, Enge. Tatsächlich ist es die Angst, die uns zusammenzieht. Sie macht psychisch, mental und körperlich eng, schränkt den Blickwinkel ein. Wir halten uns selbst, weil wir den Grenzen im Außen nicht vertrauen können. Das ist auf Dauer sehr anstrengend.
Warum wir innere Sicherheit bei frühem Trauma vermissen
Alte Belastungen lassen sich nicht einfach löschen. Aber wir können sie bewusst wahrnehmen und annehmen. Wir können unserem Körper ermöglichen, neue Erfahrungen zu kreieren. Wir können alte Ängste damit Schritt für Schritt transformieren. Wenn ich zurückschaue, warum ich mich heute sicher und geborgen in mir fühle, dann hat mich die Reise zuallererst nach innen geführt. Zum Körper und dem, was er an Erinnerungen gespeichert hatte.
Manchmal überbewerte ich Krankheitssymptome. Ich sorge mich übertrieben. Ich denke viel nach. Ich schrecke rasch hoch, wenn etwas raschelt oder knistert. All das sind Symptome der ‚alten Not‘ meines Kindes. Es hat einfach sehr tiefe Angst gespeichert. Es hat sich oft um sich selbst kümmern müssen. Das zu wissen, erleichtert und entspannt mich dann.
Mein Nervensystem wird schnell aktiviert, wo andere verwundert fragen ‚Was hast du denn?‘ Dann tut es gut zu wissen, dass frühe Erfahrungen meinem Nervensystem gelehrt haben, schnell und dauerhaft in Alarmzustand zu sein. Es ist nur ein altes Muster, sage ich mir dann. Ich nehme mich selbst in den Arm und gebe mir Halt und emotionale Sicherheit. Ich atme, bis ich wieder ruhig bin.
Warum Menschen, die so früh Belastungen und traumatische Erfahrungen erlebt haben, sich nicht so leicht regulieren können wie andere, darüber liest du in Chronischer Stress und frühe Kindheit.
Aus der Angst in der Sicherheit des Körpers landen
In meinen Visionssuchen draußen in der Natur durfte ich viele Ängste konfrontieren und viel über emotionale Sicherheit lernen. In meiner ersten Nacht alleine im Wald wachte ich auf und schwitzte fürchterlich. Vor lauter Angst hatte ich mich mitten im Hochsommer in Pullover und dicken Schlafsack gepackt. Ich zog mich aus und lag frei in der warmen Nachtluft. Die Dunkelheit hüllte mich sanft und friedlich ein. Ich hörte Igel und Käfer im Laub rascheln. Irgendwo bellte ein Rehbock. Nichts passierte. Ich war sicher. Was für eine heilsame Erfahrung.
Es gab Extremsituationen, in denen ich im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben bedroht fühlte: Ein heftiges Gewitter in einer Nacht alleine am Berg. Die Zeltplane flog weg, mein Schlafsack war durchnässt, Blitze erhellten den Himmel. Oder in der Morgendämmerung auf einem Stein, als eine Herde Wildpferde knapp an mir vorbeiraste. Der Boden zitterte und mein Herz war schneller als die Pferde.
Ich habe meinen Körper selten so intensiv präsent gespürt wie in diesen Situationen realer Gefahr. Angst hat ja eine wichtige Funktion in Gefahrensituationen, sie schärft unsere Sinne und gibt uns Kraft, uns zu schützen und zu überleben. Genau diese Überlebensinstinkte wurden in mir aktiviert. Ich war so klar wie selten. Als die Erregungs-Energie aus meinem Körper wich, war es wie ein Glücksrausch von ‚ich habe überlebt‘. Mein Körper konnte plötzlich besser zwischen echter Gefahr und alten Erinnerungen unterscheiden.
Denn oft ist die Angst vor der Angst die Vorstellung des Möglichen. Die unbewusste Erinnerung an altes Drama versetzt unser Nervensystem in Alarmzustand.
Du möchtest mehr emotionale Sicherheit und Stabilität in deinem Körper erleben? Ich begleite dich Schritt für Schritt, traumasensibel und achtsam. Hier liest du mehr über die konkreten Möglichkeiten. Ich freue mich, dich kennenzulernen.
Haltgebende Berührung und Körperwahrnehmung fördern emotionale Sicherheit
Ein Schlüsselsatz meiner körpertherapeutischen Lehrerin war ‚der Krieg ist vorbei‘. Wir dürfen uns daran erinnern, dass wir in Sicherheit sind. Heute erkenne ich früh, wenn meine inneren Alarmglocken läuten. Wenn das passiert, habe ich Werkzeuge und Übungen, mein Erregungsniveau wieder zu regulieren. Musik gehört übrigens auch dazu, zum Beispiel von Snatam Kaur.
Aussagen von Klient*innen, die körperliche und emotionale Sicherheit spüren, berühren mich, weil ich meine Erfahrungen nun an andere weitergeben darf.
- Plötzlich spüre ich meine Grenzen so klar und weiß, wie wichtig es ist, da zu sein.
- Die Berührung war so erdend, so haltgebend, es war wie nach Hause zu kommen.
- Ich habe meine Präsenz noch nie so real gespürt, das Gefühl so intensiv da zu sein.
Ich begleite aus meiner Erfahrung und auf Basis der Körpertherapie und Naturarbeit auf mehreren Ebenen:
⇒ Bewusste Körperwahrnehmung lässt wieder ein Gefühl von Präsenz und innerem Kontakt entstehen. Das Nervensystem reguliert sich zusehends und spürt über Grenzen und Selbstkontakt, dass Orientierung, Halt und Regulation möglich sind. Kleine Momente des Spürens, Bodenkontakt, Atemfluss, innere Impulse lassen den Körper im Hier und Jetzt erleben. Schritt für Schritt wächst das Körpergefühl, die Verbindung zu sich selbst.
⇒ Haltgebende Berührung, in die ich mich wirklich fallen lassen kann, ist sehr unterstützend, wenn physische oder emotionale Sicherheit gefehlt hat. Sie nährt positive Erfahrungen der Co-Regulation nach und erinnert das Gewebe daran, sich zu entspannen. Stück für Stück kann der Körper loslassen, sich öffnen, der Berührung vertrauen, ganz ankommen. So kann im wahrsten Sinne sogar der frühe Halt in der Gebärmutter, die liebevolle Berührung der Eltern nachgenährt werden.
⇒ Atem und Bewegung berühren uns in stetiger Bewegung, der eine von innen, die andere äußerlich. Der Atem ist unser wichtigster Verbündeter, um alte Blockaden und Ängste zu lösen. Er durchströmt uns sanft aber beständig, bewegt und beruhigt uns, ressourciert und kräftigt uns. Er lässt uns die Verbindung mit uns selbst und dem Außen spüren. Die Bewegung gibt uns Orientierung im Raum. Sie lässt uns die stabiliserende Qualität des Körpers und der Schwerkraft spüren. Bewusst wahrgenommen, geben sie uns den inneren Halt, den wir brauchen.
⇒ Soulwalks in der Natur bringen uns gleichermaßen mit dem Körper und der Erde in Kontakt. Der Erdboden, Bäume, Wind, Wasser oder Licht helfen, aus innerer Anspannung, Gedankenschleifen oder dem Gefühl von Abgetrenntsein herauszufinden und sich wieder lebendiger, verbundener und geerdeter zu erleben. Die Natur bringt in den gegenwärtigen Moment und wirkt regulierend und beruhigend auf ein überlastetes und alarmiertes Nervensystem. Die geführte Selbstwahrnehmung in Kontakt mit dem, was uns in der Natur begegnet, spiegelt unser inneres Wissen über Ordnung, Ruhe, Präsenz, innere Stabilität und emotionale Sicherheit.
Heute fühle ich mich bewusst, präsent und ganz in meinem Körper angekommen. Mein Atem und Bewusstsein ist der tägliche Anker, der mich führt. Ich spüre tief in mir das Vertrauen in meine eigene Kraft, meine eigenen Grenzen. Und ich binde mich an etwas an, das noch größer ist als ich: Eine universelle Energie, die mich hält und trägt.
Zurück zum Bild der Höhle über dem Meer, das ich eingangs erwähnt habe. Wenn am Ozean die Stürme toben, darf ich mir selbst mein Rückzugsort sein. Und wenn ich meine inneren Höhlen erforscht habe, ist mein Körper mein sicheres Zuhause. Dann trägt mich die Weite und Freiheit des Wassers, neue Horizonte zu entdecken.
The ship is always safe
at the harbour
but that is not what it was built for
John A. Sheed
Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
Hallo Claudia,
mein volles Ja! Sehr wertvoll, möge es viele Menschen erreichen, für die der Beitrag wertvoll ist.
Roswitha
danke für deine Wertschätzung liebe Rowitha! Alles Gute für dich und deinen Weg! lieben Gruß, Claudia