Biodynamische Körperarbeit &
Persönlichkeitsentwicklung
in der Natur

Leben.Spüren – Lebendig.Sein

Kraft der Körper-Grenzen

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Wie geht es dir mit Grenzen? Wie gut und selbstverständlich kannst du sie wahrnehmen? Und willst du das überhaupt?

Ich habe Grenzen früher gerne unbewusst ausgereizt, sie sogar als hinderlich oder provokant erlebt. Heute weiß ich, mein Tanz mit den Grenzen war der Versuch, mich besser zu spüren. Seit ich ganz bei mir und in meinem Körper angekommen bin, kann ich anerkennen, wie wichtig Grenzen sind. Meine Haut als Körpergrenze definiert meinen persönlichen Raum. Ohne sie wäre ich nicht präsent, in dieser einzigartigen Form.

Keine Ausdehnung ohne Grenze

In einer Übung bitte ich Klient*innen, sich vorzustellen, dass die eigenen Grenzen sich immer mehr ausweiten und sie ihren Raum ausdehnen. Eine erstaunliche Erfahrung, in der gut spürbar wird, wieviel Energie, Lebendigkeit, Größe und Macht wir eigentlich haben, wenn wir unseren Raum einnehmen. Es spürt sich meist stark, präsent, offen und fließend an. Das gelingt aber nur dann, wenn wir auch ein gutes Gefühl für unsere Grenzen haben.

Es mag paradox klingen, aber ohne klare Grenzen keine Ausdehnung. Ich vergleiche das gerne mit einem Fluss in seinem Bett. Die Ufer geben dem Wasser Grenzen. Ohne sie würde es zerrinnen, in der Erde versickern. Im Flussbett kann es sich ausdehnen, lebendig fließen, weil es gut gehalten ist.

So ist das auch mit der Energie in unserem Körper. Je klarer und selbstverständlicher die Wahrnehmung unserer körperlichen und energetischen Grenzen, desto freier kann die Lebensenergie in uns fließen. Wir geben uns innerlich das Signal ‚Du bist gut gehalten. Du bist sicher. Dir kann nichts passieren, egal wie du dich bewegst.‘ Ganz so wie ein Kind in den Armen der Eltern spürt, dass es geborgen ist, egal was es macht.

Grenzerfahrung der Verbundenheit

Tatsächlich erfahren wir unsere körperlichen Grenzen als erstes über die Eltern und engsten Bezugspersonen. Zuerst als Embryo im Mutterleib, dann über das Tragen und Halten, über Umarmungen. Achtsame und liebevolle körperliche Berührung bringt die Lebendigkeit ins uns zum Fließen, das Kuschelhormon Oxytocin wird ausgeschüttet, unser System beruhigt und entspannt sich. Jede Zelle reagiert mit Öffnung, Wärme und Wohlgefühl. Zugleich bekommen wir ein inneres Bild unseres Körpers und seiner Grenzen, unsere Tiefenwahrnehmung bildet sich. Wo der andere beginnt, hören wir auf. Wir erleben über die Berührung unsere eigenen Grenzen und die des anderen, also spüren Verbundenheit und lernen gleichzeitig, dass wir auch getrennt, als Individuum existieren.

Was passiert jedoch, wenn wir früh erleben, dass unsere Grenzen nicht gewahrt werden, nicht sicher sind? Wenn wir keinen oder zu wenig Halt erfahren? Was wenn Berührungen, Worte oder Blicke uns einengen, oder gar in uns eindringen und uns verletzen? Viele haben erlebt, dass ihr Widerstand in der Kindheit gebrochen wurde. Das lustvolle Ausprobieren und Erforschen der eigenen Grenzen war nicht erlaubt oder wurde sogar bestraft.  Doch wir brauchen die Erfahrung, anders sein zu dürfen, einen eigenen Willen zu haben, um Selbständigkeit und Selbstwert zu entwickeln.

Menschen mit schwierigen frühen Bindungserfahrungen haben oft ein ambivalentes Verhältnis zu Grenzen. Auch zu ihren eigenen. Es kann sein, dass wir Grenzen einfach nicht wahrhaben wollen, unseren eigenen Raum, der ja nicht sicher war, energetisch verlassen, und uns am liebsten mit der Unendlichkeit des Universums verbinden. Es kann sein, dass wir Grenzerfahrungen bewusst suchen, über Konflikte, Suchtmittel oder Extremerfahrungen. Oder wir sorgen selbst dafür, sicher zu sein, in dem wir Grenzen übertrieben eng und rigide stecken, sie gut kontrollieren, und das auch von unserem Umfeld erwarten. Egal ob wir uns zu viel oder zu wenig Raum nehmen, als aufgelöst oder eingesperrt empfinden, oder ob wir die Existenz von Grenzen einfach ignorieren: Es prägt unser Körperbewusstsein und unser Beziehungsleben.

Berührung mit der Welt um uns

Denn deine Körpergrenzen sind der Berührungspunkt mit der Welt um dich. Jede Begegnung mit anderen ist ein Spiel mit den Grenzen. Wenn du dich nicht klar spürst, kann es auch in Beziehungen immer wieder zu Grenzverletzungen kommen. Je besser du in deinem eigenen Körper zuhause und verankert bist, desto unabhängiger bist du vom Außen, desto leichter fällt es dir, deine Bedürfnisse zu spüren und klar auszudrücken, gute Grenzen zu setzen.

Wer sich leicht überflutet oder eingeengt fühlt, kann im Kontakt schnell Enge oder Angst spüren, öfter die Flucht ergreifen oder seine Grenzen verteidigen. Wem Berührung gefehlt hat, der mag in der Suche nach Nähe vielleicht selbst manchmal Grenzen überschreiten oder Grenzüberschreitungen anderer tolerieren, sensibel auf Ausgrenzung reagieren, Distanz schnell persönlich nehmen und sich traurig, wütend oder verlassen fühlen.

Grenzen als Wegweiser

Auch wenn du den Widerstand an der Grenze gerne spürst oder ablehnst zu spüren, kann das wertvoll sein. Oft zeigt sich da ein ungelebter Impuls, ein ‚ich will‘, das sich nicht ausdrücken darf oder kann. Lass dir also von deinem Widerstand den Weg weisen zu deinen eigentlichen Bedürfnissen und ureigenen Sehnsüchten.

Der Umgang mit deinem Körper zeigt dir, wie du Grenzen wahrnimmst. Wo spürst du deine körperlichen Grenzen gut, und wo spürst du sie nicht oder setzt dich über sie hinweg, z.B. in dem du zu viel oder zu wenig isst, zu lange arbeitest, bis zur Erschöpfung Sport machst oder bei Schmerz lange die Zähne zusammenbeißt? Wo tendierst du dazu, dich zu überfordern, und wo machst du das Gegenteil? Kennst du die Signale deines Körpers, wenn er dir sagt, dass es genug ist?

Ein schwieriger Umgang mit Grenzen kann uns erschöpfen, er bindet und lähmt unnötig unsere Lebenskraft. Es ist die Hingabe an die Grenzen, das sich hineinentspannen und gehalten sein, das uns befreit. Meine Haut und mein Haus, meine Zeit und Energie, meine Aufgaben und Möglichkeiten, all das hat Grenzen. Wenn ich sie gut spüren kann, dann entspannt sich mein Körper, mein Atem vertieft sich, ich fühle mich leichter, ruhiger, freier und präsenter, meine Energie fließt besser. Ich bin lebendiger, wacher, offener, weil ich mich zugleich sicher in mir fühle.

Tanz der Qualitäten

Eine Grenze ist Trennlinie und Verbindungslinie in einem. Und beides ist wichtig. Ein Innen und ein Außen, ein Hier und Dort werden geschaffen, zwei Qualitäten treffen sich, die sich im besten Fall gegenseitig respektieren und sich ihrer Verbindung bewusst sind. Grenzen schaffen Klarheit, geben Halt und Struktur. Sie helfen uns, zu unterscheiden und einzuordnen. Ohne Grenze gäbe es keine eigene Identität, kein unabhängiges Empfinden und Handeln, keine Entwicklung. Wie wichtig Trennung für unser Menschsein ist, dazu habe ich schon in Im Tanz von Trennung und Verbundenheit geschrieben.

Ich finde das ‚Yin und Yang‘ Symbol dafür sehr schön. Die geschwungene Linien zwischen Hell und Dunkel, die Punkte im jeweilig anderen zeigen die beiden Seiten als aufeinander bezogene Kräfte, im Tanz miteinander. Die Grenze zwischen ihnen ist in Bewegung, eine dynamische sich ergänzende Beziehung. Ohne sie wäre alles Grau.

Tatsächlich, Grenzen machen das Leben bunt. Sie ermöglichen mir, meine Lebendigkeit zu spüren. Und dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.

Sobald wir unsere Grenzen akzeptieren
wachsen wir über sie hinaus.

Albert Einstein

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